Innenraum der Oper Kiel, Spielstätte des Theater Kiels © Olaf Struck Foto: Olaf Struck

Kritik an Theatern: Sommerpause trotz Pandemie?

Stand: 12.09.2021 06:00 Uhr

Nach und nach melden sich die Theater im Norden aus der Sommerpause zurück. Doch darüber, dass die Häuser überhaupt wie gewohnt in die Sommerpause gegangen sind, wurde in den vergangenen Monaten kontrovers diskutiert.

von Anina Pommerenke

Bis zu sieben Monate lang waren die Theater im Norden seit vergangenem November wegen der Corona-Pandemie je nach Bundesland teilweise geschlossen. Manch einer und eine - darunter Theaterbesucher*innen aber auch Journalist*innen - zeigte sich verwundert oder gar erbost darüber, dass nicht weitergespielt wurde und etwa den ganzen Sommer hindurch Vorstellungen gegeben wurden, als es endlich wieder möglich war.

Keine vertragliche Möglichkeit für Sommerspielplan

Das Theater Kiel hat seinem Publikum zwar die Sommerpause mit dem Open-Air-Theater "Kabale und Liebe" versüßt. Eine Diskussion darüber, den Sommer über das "normale Programm" weiter zu spielen oder einen Sommerspielplan zu erstellen, habe es intern nicht gegeben. Laut Sprecherin Ulrike Eberle hat das ganz pragmatische Gründe: "Bei künstlerischen Verträgen müssen 90 Prozent des Jahresurlaubs verpflichtend in den Sommerferien des jeweiligen Bundeslandes genommen werden", erläutert sie. Vertraglich hätte das Haus somit gar keine Möglichkeit gehabt, auf das Ensemble zuzugreifen. Ebenso habe man die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters während des Lockdowns nicht einfach in den Urlaub schicken können. Denn dann wäre die Möglichkeit weggefallen, Kurzarbeit anzumelden. 

Weitere Informationen
Ein Mann umarmt zärtlich eine verzweifelte Frau, beide liegen auf der Bühne © Theater Kiel/ Olaf Struck Foto: Olaf Struck

"Kabale und Liebe" beim Sommertheater Kiel: Kurzweilig und sexy

Das Sommertheater Kiel hat Schillers Klassiker "Kabale und Liebe" entstaubt und mit Musik von Kettcar aufgefrischt. mehr

Bedingungen für Kurzarbeit erfüllen

Das Instrument der Kurzarbeit sei aber am Theater Kiel - ebenso wie übrigens in vielen anderen Kultureinrichtungen in Deutschland - essentiell gewesen, um überhaupt wirtschaftlich durch die Pandemie zu kommen. Denn in der Kurzarbeit hat der Arbeitgeber die Möglichkeit, sich Gehälter und Sozialversicherungsbeiträge je nach Beschäftigungslage von der Arbeitsagentur erstatten zu lassen. Am Theater Kiel seien die Mitarbeitenden der Werkstätten und der Bühnentechnik über einen längeren Zeitraum zu 100 Prozent in Kurzarbeit gewesen. In anderen Abteilungen habe es individuell abgestimmte Arbeitszeiten gegeben, erklärt Eberle die Vorgehensweise des Hauses. 

Langer Planungsvorlauf beim Orchester

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor am Theater sind die Planungsvorläufe. Die seien in jeder Sparte des Hauses unterschiedlich lang und komplex - auch wenn durch die Pandemie bereits vielerorts deutlich flexibler und kurzfristiger reagiert worden sei, führt Eberle aus. Gerade an der Oper und im Orchester gebe es aber langen Vorlauf, weil Gastsänger*innen, und andere Mitwirkende verpflichtet werden müssen. Von "heute auf morgen" lässt sich ein Spielplan also nicht auf die Beine stellen. So habe die Planung für die Spielzeit 2021/22 bereits in den vergangenen Winter- und Frühjahrsmonaten stattgefunden. Erst im Juni konnte der Spielplan veröffentlicht werden.

Ferner sei zu bedenken, dass die Publikumsnachfrage im Sommer traditionell nicht besonders hoch sei, wenn man über Theater in geschlossenen Räumen spreche. Am Theater Kiel habe man aber Verständnis dafür, dass es Verwunderung über die Schließung der Häuser in den Sommermonaten gegeben habe. Schließlich könne man nicht erwarten, dass das Publikum mit dem Betrieb eines großen Theaters oder gar den vertraglichen Regelungen eines Hauses vertraut sei. 

Thalia-Intendant Lux wirbt für Verständnis

Joachim Lux © Armin Smailovic
Für Joachim Lux, Intendant des Hamburger Thalia Theaters, stand eine Streichung des Sommerurlaubs für seine Mitarbeitenden nicht zur Diskussion.

Joachim Lux, der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, wirbt für mehr Verständnis in der Debatte. Unter anderem, weil viele seiner rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Lockdown härter und unter schwierigeren Bedingungen gearbeitet hätten als je zuvor. In seinem Haus habe es daher überhaupt nicht zur Diskussion gestanden, ihnen den Jahresurlaub mit der Familie zu streichen. Lux erinnert auch an die Unsicherheiten, mit denen der gesamte Kulturbetrieb in der Corona-Politik konfrontiert war. Schließlich habe man nicht bereits im November gewusst, wie lange das Haus geschlossen bleiben würde. Immer wieder wurden Veranstalter und Kulturschaffende um einige Wochen vertröstet, so der Leiter des Thalia Theaters. 

Gleichzeitig habe es aber auch im Haus den Wunsch gegeben, so schnell wie möglich wieder zu spielen, sodass weiter produziert wurde. Das könne man den Theatermachern nun im Nachhinein nicht vorwerfen, findet Lux. Wenig Verständnis hat er für die Forderung einzelner Theaterkritiker*innen, dass Theater hätte die Produktionen einstellen und  sich in der Pandemie komplett neu erfinden müssen. Zum einen hätte das viele freie Mitarbeiter*innen, die ohnehin schon hart von der Krise getroffen waren, den Job gekostet. Es habe also auch eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung bestanden, weiterzuarbeiten. Zudem wäre es auch gar nicht vermittelbar gewesen, die Arbeit komplett einzustellen. Es sei schließlich auch nicht denkbar, dass die Kritiker*innen ein paar Monate lang ihre Arbeit einstellten, um sich neu zu erfinden, so Lux. Der Intendant vom Thalia Theater kommt zu einem eindeutigen Fazit: Es sei wirklichkeitsfremd, sich über die Sommerpause bei den Theatern zu beschweren.

Weitere Informationen
Der Kleine Kiel mit dem Opernhaus und dem Rathausturm im Hintergrund © NDR Foto: Berit Ladewig

Kulturpartner: Theater Kiel

Mit den fünf eigenproduzierenden Sparten, drei verschiedenen Theaterhäusern und zirka 500 Beschäftigten gehört das Theater Kiel zu den großen Theatern in Deutschland. extern

Das Hamburger Thalia Theater von außen © Thalia Theater

Kulturpartner: Thalia Theater

Der gesellschaftspolitisch ausgerichtete Spielplan des Thalia Theaters vereint Uraufführungen, Klassiker und Gastspiele sowie internationale Projekte und Festivals. extern

 

Weitere Informationen
Premiere von "Mittagsstunde": Blick auf eine Line-Dance Gruppe - mit Hut und Westernstiefeln. © Peter Bruns Foto: Peter Bruns

"Mittagsstunde": Kunstvolle Erzählung vom Leben und Verschwinden

Am Samstagabend hat das Stück nach dem Bestseller von Dörte Hansen am Hamburger Thalia Theater Premiere gefeiert. mehr

Daniel Karasek lacht © picture alliance/dpa | Frank Molter

Kieler Schauspielhaus startet mit Stufenkonzept in neue Saison

Generalintendant Daniel Karasek hat im Kieler Opernhaus den neuen Spielplan vorgestellt - mit 35 Premieren durch alle Sparten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 12.09.2021 | 07:20 Uhr