Drei kostümierte Darsteller des Stücks "Der Idiot" aus der Produktion am Thalia Theater in Hamburg © Armin Smailovic

Großes Theater: Das Thalia startet mit "Der Idiot"

Stand: 05.09.2021 08:56 Uhr

Das Hamburger Thalia Theater startet mit Fjodor Dostojewskijs "Der Idiot" in die neue Saison. Inszeniert wurde der Klassiker von Johan Simons.

von Peter Helling

"Wir alle sind Originale!", schreit Christiane von Poelnitz als Generalin: "Man sollte uns alle hinter Glas setzen für zehn Kopeken Eintritt!"

Zehn Kopeken oder einige Euro: Was Sie an diesem Abend zu sehen kriegen, sind Menschen: Mörder, Lüstlinge, Geizhälse, Spießer, religiöse Eiferer, Lügner, Todgeweihte ... und mittendrin ein Heiliger: Jens Harzer, mit leicht geöffnetem Mund, Pelzkäppchen auf dem Kopf, ein verwundetes, trippelndes Kind, immer fragend, staunend - und leider, leider: Immer sagt er die Wahrheit. Er ist ein echter Partykiller.

Regisseur Johan Simons entwickelt eigene Körpersprache

Die karge Bühne von Johannes Schütz ist eine Art Schachbrett. Über jedem weißen Feld hängt eine Glühbirne aus dem Bühnenhimmel. Das Ensemble sitzt ganz hinten auf einer Bank. Erobert die Bühne schlendernd, hüpfend, wirbelt dabei Wolken von Mehl auf, das auf dem Boden liegt. Jeder und jede hat eine eigene Körperlichkeit, es ist ein echtes "Körperalphabet", das Regisseur Johan Simons hier entwickelt.

Der "Idiot" ist Fürst Myschkin, der an epileptischen Anfällen leidet, zurück aus der Kur in der Schweiz kommt und seine Verwandtschaft in St. Petersburg besucht. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn.

Marina Galic und Maja Schöne in gewohnter Qualität

Wie der Kaufmann Rogoschin ("Ich glaub deiner Stimme, wenn ich bei dir sitze."), Felix Knopp gibt ihm fast tänzerische Leichtigkeit. Beide kämpfen um dieselbe Frau, die geheimnisvolle Nastassja Filippowna. Marina Galic verwandelt diese Figur in eine Träumerin, einen Straßen-Clown - man spürt, dass sie missbraucht und zutiefst verletzt wurde. Aber Myschkin liebt sie auf seine Art. Und so wird dieser wundervoll brüchige, psychologisch feine Theaterabend zu einem Stück über Liebe - und Unglück.

In der Theaterfassung von Dostojewskijs Klassiker ist Aglaja die mögliche Lösung des Konflikts, leidenschaftlich und kämpferisch verkörpert von Maja Schöne.

Fulminanter Start in neue Spielzeit

Der Abend scheint zwischen Leben und Tod zu schweben, jeder Schritt könnte der letzte sein. Eine Lawine wird losgetreten - eine Lawine, die mehr als vier Stunden lang zu Tal rollt. "Super, aber 'ne Stunde zu lang", wie ein Zuschauer anschließend lachend feststellt.

Dennoch hat das Stück, aus meiner Sicht, in keiner Sekunde Längen. Im Gegenteil, hier wird "die Zeit wirklich zu Raum". Das Ensemble spielt fantastisch, Gesten, Blicke, Berührungen verweben sich zu einem organischen Ganzen. Großes Theater, ein fulminanter Start in die neue Spielzeit des Thalia Theaters.

Weitere Informationen
Eingang des Thalia Theaters © IMAGO / Hanno Bode Foto: Hanno Bode

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Großes Theater: Das Thalia startet mit "Der Idiot"

Hamburger Thalia Theater geht mit Fjodor Dostojewskijs "Der Idiot" in die neue Spielzeit. Wir waren bei der Premiere.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor
20095 Hamburg
Telefon:
040 / 328 14-444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo am Morgen | 05.09.2021 | 14:20 Uhr