Szene aus "GRM Brainfuck" von Sibylle Berg im Thalia Theater. © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer

Vom Ende aller Gewissheiten: "GRM Brainfuck" im Thalia Theater

Stand: 25.09.2021 09:00 Uhr

Das Stück "GRM Brainfuck" nach Sibylle Bergs gleichnamigen Bestseller hat im Hamburger Thalia Theater in einer Inszenierung von Regisseur Sebastian Nübling Premiere gefeiert.

von Peter Helling

Sibylle Berg hat ein Musical geschrieben, kaum zu glauben. Sie nennt es aber bewusst ein "sogenanntes" Musical - die Vorlage ist ihr eigener Roman, der Bestseller "GRM Brainfuck" von 2019, und der hat so gar nichts musicalhaftes. Die Uraufführung fand bereits im Juli im Theater der Welt in Düsseldorf statt, nun hat es im Hamburger Thalia Theater eine verschobene Premiere gefeiert.

Grime - Musik wie ein Angriff

GRM steht für Grime: Musik aus England, fette Beats, dunkle, dröhnende Rhythmen, voran stürmende, zornige Texte, Musik wie ein Angriff. Unten auf der Bühne, eine Gruppe junger Menschen, die sich fast die Seele aus dem Leib tanzen, ihre Körper wie Waffen, über ihnen kreist langsam ein großer Videoschirm und zeigt eine rosa-bunte Welt - wie zum Hohn. Atemberaubende Bilder. Grime ist eine Musik des Protests, entstanden in den Industriebrachen nordenglischer Städte. Hier wird diese Musik zum Soundtrack einer Dystopie vom Ende aller Gewissheiten.

Und so heißt es im Stück: "Dystopie war das Ding der letzten Jahre gewesen, alle hatten so eine tüchtige Endzeit-Angst". Sibylle Berg hat ihren Roman "GRM Brainfuck" in ein "sogenanntes" Musical verwandelt. Stellen Sie sich vor, die neue Regierung bietet Ihnen ein Grundeinkommen, Geld für Jedermann, für jede Frau: "Es ist einfach unglaublich!!", heißt es im "sogenannten" Musical: Vorausgesetzt, Sie lassen sich einen Chip implantieren, der misst ihr moralisches Wohlverhalten. China lässt grüßen: "Teste dein Blut online. Hey! / Alles wird aufgezeichnet, deine politische Gesinnung, deine Gesundheit, deine Lebenserwartung."

"GRM Brainfuck": Das Warten auf die Revolution

Gabriela Maria Schmeide und Tim Porath kommt die etwas undankbare Rolle zu, als grinsende, daueroptimierte weiße Menschen mit ondulierter Frisur auf dem Bildschirm herumzukreisen und das Blaue vom Himmel zu versprechen. Die Gruppe junger Menschen allerdings verweigert sich dieser Fremdbestimmung - taucht unter und wartet ab: "Wir warten auf die Revolution!" Aber die fällt aus. Und das war's dann auch schon mit der Handlung dieses Theaterabends. Man sieht eine Geschichte, wie wir sie seit George Orwell, seit Filmen wie "Blade Runner" oder "Gattaca" zur Genüge kennen. Aber vielleicht war die Welt nie näher an dieser Fiktion als jetzt. Das ist das Bedrohliche.

Die Inszenierung von Sebastian Nübling hat fast etwas Unschuldiges. Gut gegen Böse, man erkennt das Böse sofort - digitaler Overkill, Rassismus, Fremdbestimmung, sozialer Abstieg. Großartig ist Schauspieler Johannes Hegemann, und sobald dieses fulminante junge Ensemble individuelle Geschichten erzählt, ist man ganz nah dran. Und wenn sie tanzen, bleibt einem die Spucke weg. Am Ende ist man jedoch etwas ratlos: Weil man das alles irgendwie schon kennt. Andererseits aber transportiert dieser Abend eine Message auf der Höhe unserer Zeit, plakativ und direkt. Und so heißt es im Stück: "Zeit für die nächste Stufe! / Ist das Euer Ernst?"

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Eingang des Thalia Theaters © IMAGO / Hanno Bode Foto: Hanno Bode

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.09.2021 | 15:20 Uhr