Mozarts Oper "Die Entführung aus dem Serail" feiert an der Hamburger Staatsoper Premiere.  Foto: Jörg Landsberg

Mit heißer Nadel: Premiere für "Die Entführung aus dem Serail"

Stand: 18.10.2021 10:14 Uhr

In nur zwei Wochen hat die Hamburgische Staatsoper Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" inszeniert. Am Sonntagabend feierte das Stück seine Premiere.

von Daniel Kaiser

Wenn man’s nicht wusste, hat man’s auch nicht gemerkt. Die nur zwei Wochen Vorbereitung sind dem Abend erst einmal nicht anzusehen. David Bösch war kurzfristig als Regisseur eingesprungen, nachdem sich die Staatsoper mit seinem Vorgänger überworfen hatte. Die Bühne ist zwar fast leer, das soll aber bei Inszenierungen heutzutage schon mal vorkommen. Lediglich ein paar Matratzen liegen herum, eine letzte Reminiszenz an das Schlafgemach im Harem des Bassa Selim. Witzige Comic-Filme mit Strichmännchen erzählen und begleiten stattdessen die Handlung. Die Einspieler lockern das Geschehen spürbar auf. Immer wieder gibt es Lacher im Publikum. Feuerwerke, Mondlandschaften und Blumenwiesen werden auf die Bühnenwand projiziert.

Gerüchte bei der Premierenfeier

So karg das Bühnenbild, so opulent die Gerüchte bei der anschließenden Premierenfeier, was denn geplant war und wegen künstlerischer Differenzen abgesagt wurde. Von einer Menge Theaterblut ist die Rede und von Orchestermusikern, die in Käfigen über die Bühne gerollt werden sollten. Von Tisch zu Tisch werden die kolportierten Versionen dramatischer und phantastischer. Offiziell ist zu den Hintergründen allerdings nichts zu hören.

Türsteher mit Baseballschläger 

Von Mozarts Culture-Clash-Komödie, von den beiden Europäern, die versuchen, ihre Frauen aus einem orientalischen Harem zu befreien, lässt David Bösch in seiner Regie jedenfalls nichts übrig. Die Frauen sind bei ihm in der Hand des Mafia-Paten Bassa Selim (Burghart Klaußner in weißem Zuhältermantel und 20er-Jahre Hosenträgern) und dessen Bodyguard Osmin, der als Bewacher des Harems in Inszenierungen sonst gern mit Turban und Pluderhose verkleidet auftritt, hier aber zum drahtigen Türsteher des Clubs Serail wird. Er schwingt mal die Axt, mal einen Baseballschläger - ein Kleinkrimineller mit Lederjacke und Skinny-Jeans, dem man nicht in einer dunklen Gasse begegnen möchte. Mit Ante Jerkunica ist diese Rolle stark besetzt. Seine Aggro-Arien sind ein Ohrenschmaus.

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Das Publikum an der Staatsoper Hamburg sitzt im Corona-Abstand vor der Uraufführung von "Ghost Light" © NDR Foto: Annette Matz

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Kranich und Tröpfchen-Choreographie

Der Religionskonflikt spielt bei Böschs Inszenierung keine Rolle. Es geht um Liebe, um Vergebung und um Emanzipation - das Ganze mit einer gesunden Dosis Slapstick. Vor allem Michael Laurenz als Pedrillo hat ein Händchen für Komik. Wenn er mit der Kranich-Stellung aus "Karate-Kid" in die Auseinandersetzung mit Osmin gehen will oder mit seiner Wasser-Sprühflasche eine Tropfen-Choreographie im Scheinwerferlicht entstehen lässt.  Tuuli Takala als Konstanze und Dovlet Nurgeldiyev als Belmonte legen vor allem im handlungsarmen Mittelteil ihr Herz auf die Zunge. Ihre Rollen sind eher davon geprägt, dass sich 'Lust auf Brust reimt. Narea Son als Blonde sprüht dagegen vor Witz und Energie. Es ist wunderbar, wie es ihr gelingt, den Humor in Mozarts Musik zum Klingen zu bringen, wenn sie sich mit Osmin einen Wettkampf um den tiefsten Ton liefert.

Blockflöte gibt letzten Schliff

Manches Duett wackelt zwar, und das Ensemble blickt immer wieder mal mit Anfangspanik in den Orchestergraben, aber Dirigent Adam Fischer hat das Philharmonische Staatsorchester schnell auf Betriebstemperatur. Schon bei der Ouvertüre rummst es herrlich. Fischer reckt nach gelungenen Arien beide Fäuste wie nach einem Tour-de-France Etappensieg in die Höhe. Die kleine Blockflöte (Anke Braun) ist dann noch der letzte Schliff für den rustikalen Janitscharen-Sound. Das Orchester bekommt auch den meisten Applaus.  

"Entführung aus dem Serail": Oper mit Spaß

Die Oper endet mit einer Hymne an die Humanität. Der weise Bassa Selim lässt alle frei: Vergebung statt Rache. Ausgerechnet mit der interessantesten Figur - mit Bassa Selim - kann die Regie jedoch nicht viel anfangen. Mit Burghart Klaußner ist diese Sprechrolle eigentlich gut besetzt. Abgesehen von einer Fast-Sexszene mit Konstanze, in der sie sich am Ende gegenseitig die Knarre an den Kopf halten, ist er an diesem Abend vor allem dazu da, bedeutungsschwangere Aphorismen von Dante & Co. zu deklamieren. Oder sich irritierenderweise immer wieder wie ein Derwisch zu drehen. Für einen durchdachten größeren Wurf fehlte dann vielleicht doch die Zeit. So ist diese Entführung sicher kein Opernabend für die Ewigkeit. Keine Inszenierung, die die Gesellschaft aufrüttelt und Diskussionen anregt, aber gewiss ist ein unterhaltsamer Opernspaß.

Mit heißer Nadel: Premiere für "Die Entführung aus dem Serail"

Nur zwei Wochen hatte Regisseur David Bösch für die Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hamburg
Großes Haus, Dammtorstraße 28
20354 Hamburg
Telefon:
040 - 35 68 68
Hinweis:
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.10.2021 | 07:20 Uhr