Papageno (Samuel Chan und Marko Gebbert) am Theater Kiel © Olaf Struck

"Die Zauberflöte": Ungewöhnliche Premiere im Kieler Opernhaus

Stand: 10.12.2021 19:47 Uhr

Mozarts "Zauberflöte" kommt im Kieler Opernhaus mit einem generalüberholten Text von Roland Schimmelpfennig auf die Bühne. Dabei werden Sing- und Sprechrollen von jeweils zwei Darstellern gespielt.

von Andrea Ring

Zwei Papagenos? Sehen wir doppelt auf der Bühne? Marko Gebbert lacht, er ist der Schauspieler in der Rolle des lebenslustigen Vogelmenschen. Und klärt auf: "Ich glaube, wir sind gar nicht zwei. Wir sind eins. Wir sind eine Papageno-Figur, die verschiedene Seiten hat."

Zwei Papagenos werfen sich gekonnt die Bälle zu

Mengqi Zhang (als Papagena) und Jennifer Böhm (als Papagena) am Theater Kiel © Olaf Struck
Auch die Papagena tritt in der Kieler "Zauberflöte" doppelt auf, verkörpert von Mengqi Zhang und Jennifer Böhm.

Der eine spielt, der andere singt. Der kanadische Bariton Samuel Chan fühlt sich aber auch nicht als halber Papageno. Es sind verteilte Rollen - und Papageno singt, "wenn es ihm vor lauter Gefühlen die Sprache verschlägt", so Chan. Die Figur sei nicht einfältig, sondern ein sehr kompliziertes und empfindsames Wesen.

Hinter der Fassade des Spaßvogels verstecken sich Einsamkeit und Schmerz. Die Sehnsucht nach einer Papagena. Im langen, grün gestreiften Mantel ganz ohne Federn spielt er sich mit seinem Schauspieler-Zwilling gekonnt die Bälle zu. Marko Gebbert, der die Rolle der andere Seite Papagenos spielt, beschreibt diese so: "Das ist mehr so ein zynischer, dionysischer Part. Ihm geht es um Wein, Spaß und junge Frauen." 

Neues Libretto befragt alten Text mit ironischer Distanz

Was in Schikaneders Libretto ziemlich altbacken daher kommt, hat Roland Schimmelpfennig in eine Sprache gegossen, die ins Ohr geht, aber nicht platt auf modern macht. Er befragt den alten Text aus einer ironischen Distanz. Dazu Regisseur Daniel Karasek: "Ist diese Männerwelt denn überhaupt noch ertragbar? Sind diese Sprüche noch ertragbar? Welche Rolle spielen die Frauen?  Das reflektiert Schimmelpfennig in dem Text finde ich auf eine sehr schöne, ironisch protestierende, angenehme Weise."

Marko Gebbert (als Papageno) und Maximilian Herzogenrath (als Tamino) am Theater Kiel © Olaf Struck
Marko Gebbert als Papageno und Maximilian Herzogenrath als Tamino

Auch in dieser Zauberflöte des Jahres 2021 hat Fürst Sarastro die Tochter der Königin der Nacht entführt, muss Prinz Tamino im Tempel der Weisheit drei Prüfungen bestehen, um Pamina zu retten, und bekommt Papageno am Ende sein Weibchen. Doch die Schimmelpfennig-Version hinterfragt die Handlung mit freundlichem Humor. "Ohne den alten Text in irgendeiner Weise zu denunzieren und zu verraten, bleibt er bei der Geschichte, nimmt sie wahnsinnig ernst und glaubt an sie", erzählt Karasek. "Er sagt nicht, das ist Quatsch, sondern er tiefenpsychologisiert das eigentlich."

Das heißt nun nicht etwa trockene Reflexion. Im Gegenteil: aus eindimensionalen Opernfiguren werden Menschen, wie Samuel Chan sagt: "Wenn man ein moderne Interpretation vornimmt, sieht man all diese Charaktere als menschliche Wesen." 

Eine Zauberflöte, die neu berührt

Im Zusammenspiel von gesprochenen Schimmelpfennig-Passagen und Mozarts Komposition, der die Zeit eben nichts anhaben kann, entsteht eine Zauberflöte, die neu berührt. Wenn Tamino nicht mit Pamina sprechen darf - das ist Teil der Prüfung - und sie an seiner Liebe zweifelt, "dann fängt sie plötzlich an zu singen und das ist so ergreifend, da laufen mir die Tränen", schildert  Papageno-Darsteller Gebbert die Szene.

Die zauberhaften Stimmen und das schöne, kitschfreie Bühnen- und Kostümbild ergeben mit dem gut dosierten komödiantischem Schauspiel eine gelungene Kombination. Dass nicht nur die Papagenos doppelt auftreten, sondern auch die Taminos, Paminas, Papagenas und Sarastros mit ihren Spiegelbildern im Schlepp, wirkt nie aufgesetzt. Es funktioniert tatsächlich hervorragend. 

"Die Zauberflöte": Ungewöhnliche Premiere im Kieler Opernhaus

Mozarts Oper "Die Zauberflöte" kommt in Kiel mit einem generalüberholten Text von Roland Schimmelpfennig auf die Bühne.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Opernhaus Kiel
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 10.12.2021 | 20:00 Uhr