Der Schauspieler André Szymanski kniet in seiner Rolle als Jakob Frank nach hinten gebeugt auf der Bühne des Thalia Theaters, auf der verteilt andere Mitglieder des Ensembles stehen. © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer

"Die Jakobsbücher" in Hamburg: Premiere mit fantastischem Ensemble

Stand: 20.09.2021 09:27 Uhr

Die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak hat den 1.200 Seiten-Roman "Die Jakobsbücher" von Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk am Hamburger Thalia Theater in Szene gesetzt.

Der Schauspieler André Szymanski kniet in seiner Rolle als Jakob Frank nach hinten gebeugt auf der Bühne des Thalia Theaters, auf der verteilt andere Mitglieder des Ensembles stehen. © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
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von Katja Weise

Mächtige Bilder, eindringliche Musik, Tanz, Spiel, Worte - natürlich - und Pathos, nicht zu knapp: Das sind die Ingredienzien, aus denen dieser Abend gemacht ist. Das Publikum war hingerissen.

"Die Jakobsbücher": Geschichte eines charismatischen Religionsführers

Der Schauspieler André Szymanski liegt in seiner Rolle als Jakob Frank auf der Bühne des Thalia Theaters, über ihm riesige Puppen an Schnüren. © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
André Szymanski als Jakob Frank in "Die Jakobsbücher" am Thalia Theater

Jakob Frank (gespielt von André Szymanski) ist aufgebrochen, um sein Volk, die Juden Osteuropas in die Welt zu führen. Doch Religion sei für ihn, erklärt er, der von vielen verehrt wird wie ein Guru, nur eine Hülle. Als es opportun erscheint, wird er Muslim, später bekehrt er sich zum Christentum. Und sein Gefolge mit ihm. Im 18. Jahrhundert war das. Olga Tokarczuk erzählt die Geschichte des charismatischen Religionsführers auf 1.200 Seiten, Ewelina Marciniak die ihre in dreieinhalb Stunden.

Chana (Rosa Thormeyer) wird ihn heiraten, mit ihm gehen und die Heimat schmerzlich vermissen. Nie wieder wird sie sich wahrhaft zu Hause fühlen, Jakob mit vielen anderen Frauen teilen müssen, denn er darf viele lieben in der neuen Gemeinschaft.

Heilsversprechen und der Krieg der Religionen

Marciniak erzählt viel über Bilder. Der Adel und die Geistlichkeit stecken in grotesk aufgepolsterten Kostümen, dabei ist doch der Mensch oft nur ein nackter Wurm. Darunter. Das zeigt die Regisseurin auch. Immer wieder geht es um Heilsversprechen, den Krieg der Religionen untereinander.

Es gibt keine Christen, keine Juden, keine Muslime! Es gibt den Menschen, der neben Dir sitzt, der Durst hat, der sich nach einem Gespräch sehnt. Vielleicht nach Liebe. Und die Menschen werden das verstehen. Und wenn nicht morgen, übermorgen, dann in hundert Jahren. Und bis dahin müssen wir schlau sein. Wir müssen die Karten spielen, die auf dem Tisch liegen! Jakob Frank in "Die Jakobsbücher"

Also lässt Jakob sich taufen.

Ewelina Marciniak scheut vor Pathos nicht zurück

Die Menschen stecken nicht nur in grotesken Kostümen fest. Marciniak lässt sie immer wieder auch in starren Choreographien agieren. Am österreichischen Hof - bis hierher schafft Jakob Frank es - fügen sich beispielsweise alle in ein Korsett aus Trippelschritten.

Die Regisseurin scheut, wie gesagt, vor Pathos nicht zurück: Das Licht gleißt schräg von oben wie durch Kathedralenfenster, die Musik schmachtet, viele Bilder sind mit Zeichen aufgeladen; so finden sich immer wieder Posen des Gekreuzigten. Doch es passt. Vor allem dank des fantastischen Ensembles. Das sich reinwirft, tanzt, spielt mit einer ungeheuren Energie und manchmal auch ironischer Distanz. Toll. Und am Ende, da gibt es statt eines Gurus sogar noch einen weiblichen Messias.

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Ewelina Marciniak hat den 1.200 Seiten-Roman von Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk am Thalia Theater in Szene gesetzt.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor
20095  Hamburg
Telefon:
040 328 14 444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 20.09.2021 | 19:00 Uhr