Szene des Theaterstücks "Der tätowierte Mann" © Deutsches Theater Göttingen

"Der tätowierte Mann": Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen

Stand: 07.10.2021 13:42 Uhr

Wie gelingt es, eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheit auf die Theaterbühne zu bringen? Das Deutsche Theater Göttingen zeigt erstmals das Stück "Der tätowierte Mann".

von Irene zu Dohna

Ein alter Mann sitzt in seiner Küche und erinnert sich daran, was er im KZ Ausschwitz erlebt und wie er überlebt hat. Eine junge Reporterin lässt ihre Video-Kamera mitlaufen:

"Ja, das ist es. Die Last des Überlebens. Warum hab ich’s geschafft und nicht…? Nein, das ist es auch nicht. Man will einfach nur leben und fertig - das ist alles. Natürlich kann man niemals damit fertig sein." Szene aus dem Theaterstück

Interviews mit Holocaust-Überlebenden in Wien

Peter Wortsman lebt in den USA und hat das Zwei-Personen-Stück verfasst. Mit Anfang 20 reist der Sohn österreichisch-jüdischer Emigranten nach Wien, um dort Holocaust-Überlebende zu interviewen. "Es war sehr schwierig, damals in Wien 1975 mit Leuten über dieses Sujet zu sprechen", erzählt der in New York lebende Peter Wortsman am Telefon. "Das Thema war noch immer tabu. Sehr wenige Leute haben darüber gesprochen, und vor allem hat man in der eigenen Familie nicht darüber gesprochen. Die Überlebenden, die ich in Wien kennengelernt habe, haben mir öfters gesagt, dass sie das, was sie mit mir besprechen, nicht einmal mit ihren eigenen Kindern besprochen haben. Es war auch für mich etwas schwierig. Ich war damals 21. Ich habe meine Fragen formuliert, aber ich war nicht gerade bereit für die Antworten."

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Eine Stimme stellvertretend für das Schicksal von Millionen

Wortsmans Interviews mit Überlebenden der Konzentrationslager finden sich heute im Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. Mitte der 1990er-Jahre fügt er das Geschilderte der verschiedenen Biografien zu einem Monolog zusammen. "Meine Absicht war nicht, das Stück politisch zu schreiben. Ich habe jahrelang gezögert, was ich mit all dem machen soll." Und so wird aus dem dokumentarischen Material eine literarische Figur, ein "Jedermann". "Ich habe seine Stimme aus vielen Stimmen zusammengesetzt", erklärt Wortsman. Eine Stimme stellvertretend für das Schicksal von Millionen. "Die Ziffer sechs Millionen - oder egal wie viele - ist irgendwie unbegreifbar. Man kann nicht so viele Leben verstehen", so Wortsman.

Der "tätowierte Mann" als Videoaufzeichnung auf der Bühne

"Jemand schüttelt mich. Was zum Teuf… es ist Fred. Er will meinen Gürtel ausborgen. Sagt, seiner wäre gerissen, er braucht einen anderen. Ich bin nicht schnell genug, da sagt Kurt Klein 'Klar' und leiht ihm seinen. Ein Gürtel, mitten in der Nacht, wer weiß wofür. Na und. Schlaf ist kostbar. Verschwendet man nicht an einen Geschundenen. - Und dann? - Am nächsten Morgen haben sie ihn gefunden. Er hing vom Dachbalken, er hat sich erhängt." Szene aus dem Theaterstück

Die junge Reporterin sitzt auf einem Hocker auf der Bühne. "Der tätowierte Mann" ist dagegen nur per Videoaufzeichnung zu sehen. Oft in Nahaufnahme, wodurch jede Regung, jeder Schmerz dem Zuschauer überdeutlich präsentiert wird.

Durch die Inszenierung werde auch die Frage gestellt: Wie können wir Vergangenes für die Zukunft bewahren, in die nächsten Generation tragen, erklärt Dramaturgin Sonja Bachmann: "Deswegen sieht man den tätowierten Mann in dieser Videoaufzeichnung der Interviewenden, die bei uns eine junge Frau ist. Sie führt das Interview, um für uns Zuschauenden so eine Brücke zu sein zwischen unserer Zeit und der Zeit der KZ-Gräueltaten, von denen berichtet wird."

Verstörende und wachrüttelnde Inszenierung

Gezeigt wird das Stück in der kleinen Studiobühne. Und davon lebt die Inszenierung auch: von der Nähe, der Intimität, der Zuschauer wird direkt angesprochen:

"Vergesst das nicht! Menschen können unmenschlich sein. Und passt auf und haltet euch das in Erinnerung."  Szene aus dem Theaterstück

Eindringlich erzählt "Der tätowierte Mann" von den Verbrechen im KZ, von der Todesangst der Häftlinge, vom Sadismus der Wächter, aber auch von Menschlichkeit und Solidarität zwischen all dem Grauen. Am Ende bleibt der Zuschauer allein zurück: verstört und wachgerüttelt.

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Auf dem Bild sind vier Schauspielerinnen und Schauspieler zu sehen. Kolja Martens, Tobias Zepernick, Marlene Metzger und Marie Sofie Jacob. Es sieht aus als würden sie wild tanzen oder diskutieren. © Kolja Martens Tobias Zepernick Marlene Metzger Marie Sofie Jacob Foto: Olaf Malzahn

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"Der tätowierte Mann": Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen

Peter Wortsman hat in den 1970er-Jahren Interviews mit KZ-Überlebenden geführt und daraus ein Zwei-Personen-Stück verfasst.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutsches Theater Göttingen
Theaterplatz 11
37073 Göttingen
Telefon:
(0551) 4969 300
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 07.10.2021 | 18:00 Uhr