Castorfs "Geheimagent" am Schauspielhaus: Fest des Schauspiels

Stand: 14.11.2021 07:26 Uhr

Frank Castorf hat mal wieder in Hamburg inszeniert. Nun hatte seine Theaterfassung von Joseph Conrads "Der Geheimagent" im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere gefeiert.

Theaterszene aus "Der Geheimagent" am Schauspielhaus Hamburg mit Josef Ostendorf (links) und Charly Hübner (rechts). © Schauspielhaus Hamburg / Thomas Aurin Foto: Thomas Aurin
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von Peter Helling

Der Applaus kommt an diesem Abend im Deutschen Schauspielhaus fast scheu daher. Nach dem Motto: dürfen wir jetzt endlich, nach fast fünf Stunden? Ein kleines zustimmendes Nicken von Schauspieler Matti Krause: Jetzt dürft ihr!

Ein Bilderregen ist auf das Publikum niedergeprasselt. Geduldig hat es sich in den Regen gestellt, hat die intensive Liebe zweier Geschwister miterlebt. Die Bühne von Aleksandar Denić ist ein Trumpf. Ein Haus wie aus einem Hitchcock-Film. Ein vom Londoner Nebel umhülltes Backsteingebäude, das sich auf der Drehbühne in Bewegung setzt und seine Gesichter zeigt, mal 10 Downing Street, ein finsteres Pub, eine abgehalfterte Bahnstation. Und in dieses düstere und zerklüftete Haus webt Frank Castorf seine Geschichten, Wimmelbilder des Lebens. Das Publikum ist begeistert. Stimmen nach der Vorstellung: "Hervorragend", "Ich bin von der ganzen Umsetzung sehr begeistert, es war unglaublich dicht - ich bin überwältigt."

Castorfs Inszenierung ist ein Fest des Schauspiels

Theaterszene aus "Der Geheimagent" am Schauspielhaus Hamburg mit Josef Ostendorf (links) und Charly Hübner (rechts). © Schauspielhaus Hamburg / Thomas Aurin Foto: Thomas Aurin
Szene mit Josef Ostendorf (links) und Charly Hübner (rechts)

Bühnenanarchist Castorf hat wieder einmal gezaubert, hat in seiner Trickkiste gewühlt, hat einen Roman gefunden, nämlich Joseph Conrads "Der Geheimagent" von 1907. Einen Krimi-Plot, der sich perfekt eignet für seine Erzählweise, seine multi-aufgesplitterte Theaterwelt in Kinoformat. Im Mittelpunkt steht Charly Hübner als Adolf Verloc, ein biederer Ladenbesitzer, der insgeheim Informationen über Londoner Anarchisten sammelt und sie an eine ausländische Botschaft weitergibt. Irgendwann wird sich sein Schwager, der geistig Behinderte Stevie, mit einer Bombe in die Luft sprengen.

Paul Behren, Anne Müller, Angelika Richter: Es ist ein Fest des Schauspiels, der starken Figuren, auf schwindelhohen High Heels, im Schottenrock, mit Zylinder, Bart und cooler Kippe. Castorfs Helden sind immer auch: Comic-Figuren, kraftstrotzende Kerle und dämonenhafte Frauen. Oder traurige Clowns mit schiefem Toupet. Kameraleute filmen die intimen Szenen in den Zimmern, zoomen ganz nah ran - typisch Castorf. Und die Videos werden zeitgleich auf eine große Leinwand, die von oben heruntergefahren wird, übertragen. Castorfs Theater wirkt dadurch wie durchsichtig, multiperspektivisch, sein alter Trick funktioniert noch immer.

Fliegende Momente am Abend

Theaterszene aus "Der Geheimagent" am Schauspielhaus Hamburg mit Paul Behren, Matti Krause, Angelika Richter © Schauspielhaus Hamburg / Thomas Aurin Foto: Thomas Aurin
Szene aus "Der Geheimagent" mit Paul Behren, Matti Krause und Angelika Richter

Wenn Sie miterleben möchten, wie sich Josef Ostendorf und Charly Hübner zu Nana Mouskouri um den Hals fallen, wild küssend, sind Sie hier richtig. Dieses körperliche, pralle Theater lässt nichts aus, zeigt Schweiß, Tränen, verwischte Schminke, den Dreck unter Fingernägeln. Das Billige, die Kolportage prallt aufs Bitterernste. Die Gräuel des Kolonialismus werfen ihre Schatten, und gleichzeitig werden Augen aufgerissen wie im Stummfilm.

Anne Müller als Verlocs Ehefrau Winnie zieht fünf Stunden lang in ihren Bann. Wenn sie am Ende in einem Bahnabteil sitzt und eine Zeitung aufschlägt, in der von ihrem eigenen Selbstmord die Rede ist, dann versteht man: Sie, die Rächerin, ist längst tot. Das sind die Momente, wo der Abend zu fliegen beginnt. Erschöpft, völlig reizüberflutet tritt man am Ende zurück auf die Straße.

 

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Außenaufnahme vom deutschen Schauspielhaus in Hamburg © dpa picture alliance Foto: Markus Scholz

Kulturpartner: Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg gehört zu den führenden Theatern in Deutschland. extern

 

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Castorfs "Geheimagent" am Schauspielhaus: Fest des Schauspiels

Frank Castorf hat Joseph Conrads "Der Geheimagent" am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg als pralles Theater inszeniert.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099 Hamburg
Telefon:
040-248713
Preis:
ab 9 Euro
Besonderheit:
2G-Vorstellungen
Hinweis:
Dauer: Vier Stunden und fünfzehn Minuten. Eine Pause.
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