Belarussen und Belarussinnen demonstrieren in Warschau © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Attila Husejnow

Belarus: "Radikale Säuberungsaktion" gegen Kulturschaffende

Stand: 30.07.2021 18:49 Uhr

Schriftstellerin Nina George ist Präsidentin des European Writers' Council. Im Gespräch mit NDR Kultur spricht sie über die Lage der belarussischen Kulturschaffenden.

Nina George verfasst nicht nur - vielfach ausgezeichnet - Romane, Essays, Reportagen, Kurzgeschichten und Kolumnen, sondern setzt auch fleißig Tweets ab. Wer der Schriftstellerin bei Twitter folgt, merkt ganz schnell, dass sie sich eingehend mit der Lage von Kulturschaffenden und Institutionen in Belarus beschäftigt und sich stark für deren Belange engagiert.

Hallo Frau George, aus Belarus kommen ja quasi täglich Nachrichten über neue Repressionen des Lukaschenko-Regimes. Zielscheibe immer wieder Kulturschaffende, Künstler und deren Institutionen. Was sind die neusten Schreckensnachrichten?

Die Schriftstellerin Nina George © Helmut Henkensiefken/FinePic München Foto: Helmut Henkensiefken
Seit 2019 ist die Schriftstellerin Nina George Präsidentin des European Writers Council.

Nina George: Seit dem 13. Juli sehen wir, dass sich die Situation in Belarus noch einmal verschärft hat. Lukaschenko hat angekündigt, 1500 Organisation, Menschenrechtsorganisation, Schriftsteller oder auch Journalisten-Organisation unter die Lupe zu nehmen und in einer radikalen Säuberungsaktion teilweise auszulöschen. 200 Büros und Privatwohnungen wurden seit dem 14. Juli durchsucht. Und es wurden auch Journalisten und Journalistinnen, Autoren und Autorinnen, Schauspielerinnen und Musiker verhaftet. Es ist wirklich in der Tat eine radikale Säuberungsaktion, und teilweise werden Organisationen aufgelöst, wie unter anderem der unabhängige Verband der Journalisten und Journalistinnen als auch jetzt der Pen Belarus. Der muss sich am 3. August der Anklage des Justizministeriums höchstselbst stellen.

Sie sind im engen Austausch mit Kulturschaffenden im Land. Wie geht es denen?

Eines unserer 46 Mitglieder ist auch der unabhängige Verband der Schriftsteller und Schriftstellerin in Belarus. Und einige von denen sind auf der Flucht. Ich kann ihre Namen nicht nennen, aber ich halte Kontakt über verschiedenste Kommunikationskanäle, die nicht abgehört werden können. Sie wechseln ständig ihre Nummern, sie fliehen in Anrainerstaaten, und die Schleuser, die ihnen dort behilflich sind, wissen zu berichten, dass unglaublich viele Kulturschaffende und wahnsinnig viele gebildete Leute, also auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf der Flucht sind. Das heißt, wir haben es also auch mit einem Ausbluten der Intellektuellen und der kulturellen Basis in Belarus zu tun. Sie werden eine lange Weile nicht nach Hause können, weil sich staatliche Durchsetzungs-Offiziere vor den Wohnungen und vor dem Büros postiert hat, um jene aufzugreifen, die jetzt auf der Flucht sind. Es sind staatliche Polizei als auch Einsatzkräften, denen nicht genau zuzuordnen ist, woher sie kommen - sozusagen eine Art belarussische KGB.

Sie sprechen von "Ausbluten". Gibt es überhaupt noch so etwas wie eine lebendige Kulturszene in Belarus? Ist Kulturleben in einem solchen Umfeld, unter einem solchen Regime überhaupt möglich?

Das ist es im Prinzip seit 25 Jahren nicht mehr. Nur hat man es erst jetzt sehr gemerkt. Eine Demokratie zerrüttet sich ja nicht über Nacht. Die Situation für Kulturschaffende in Belarus war stets sehr schwer - egal ob Theater, Schriftstellerei, Übersetzung oder Buchhandel. Sofern sie in unabhängigen oder regierungskritischen Organisationen beheimatet waren, war es stets sehr schwer, überhaupt gedruckt zu werden, Aufführungen zu haben oder Ähnliches. Das heißt so etwas wie Vergütung oder ein Leben von der Kultur oder Kunst war sowieso nicht möglich. Jetzt aber soll sie zum Schweigen gebracht werden, und das auf eine Art, die erschütternd ist.

Wie können Sie – mit dem European Writers‘ Council - die Schriftsteller*innen von hier aus unterstützen?

Wir können ihre Stimme seien. In der freien Presse, in den freien Medien darüber sprechen, so wie es wer inzwischen seit einem Jahr tun. Und ich gebe zu, dass ich außerordentlich schockiert bin von der relativen Stillhalte-Art der EU. Man kann nicht nur Sonntagsreden halten, man muss ihnen wirklich auf eine Art helfen, die auch praktisch ankommt. Was wir jetzt brauchen, sind erleichterte Visa für all jene Kulturschaffenden als auch Wissenschaftlerin, Wissenschaftler, die sich aus diesem verletzten Land retten. Wir brauchen erleichterte Visa. Lasst sie reisen, lasst sie arbeiten, lasst sie hier ihre Geschichte erzählen. Was wir aber auch brauchen, ist monetäre Hilfe für all die Organisationen in den Anrainerstaaten, die gerade mit einer Flut von Hals über Kopf davon rennenden fliehenden belarussischen Kulturschaffenden zu tun haben. Und was wir sicherlich auch brauchen, ist immer wieder Aufmerksamkeit dafür, dass das, was in Belarus passiert, ein Virus sein kann und ansteckend ist. Das ist ansteckend. Und das wird sich auch auf andere Demokratien Europas durchaus ansteckend erweisen.

Woran liegt es, dass es außer warmen Worte kaum Hilfen seitens der Politik gibt?

Ich denke einerseits an den wirtschaftlichen Verquickung, die es immer noch gibt. Manchmal ist Geld dann offenbar doch wichtiger als die Moral. Es liegt sicherlich auch daran, dass Lukaschenko Herrn Putin im Rücken hat, der das vermutlich äußerst genüsslich beobachtet. Und hier Gegenstrategien zu entwerfen, muss natürlich über Sanktionen hinausgehen. Die Sanktionen, die bisher durchgesetzt worden das richtete sich gegen eine Handvoll einzelne Personen. Aber radikal oder vielleicht auch irritierend für Putin und Lukaschenko wäre es sicherlich, all jenen, die bisher diese Befehle ausgeführt haben und die schon viel zu weit gegangen sind, als dass sie noch zurückkehren könnten, zum Beispiel Amnestien oder auch eine Verzeihung anzubieten. Also anstelle von Sanktionen oder wirtschaftlicher Kappung, die auch die Zivilbevölkerung träfe. Ein Umdenken: Nicht: Was tun wir gegen Lukaschenko. Sondern: Was tun wir für die Bevölkerung?

Weitere Informationen
Proteste in Minsk, der Hauptstadt von Belarus © Pixabay Foto: A.Matskevich

Kommentar: Wie umgehen mit Autokraten und Diktatoren?

Wie sollen die demokratischen Staaten auf die Entführung eines Passagierflugzeugs reagieren? Das fragt "SZ"-Kolumnist Heribert Prantl im NDR Info Wochenkommentar. mehr

Sie wollen denjenigen eine Stimme verleihen, die unterdrückt werden: Was hören sie von ihnen? Gibt es irgendwelche Hoffnung?

Die, die noch in Minsk sind, zum Beispiel, sind gefangen zwischen Scham und Chance. Die Scham: Was ist, wenn ich mein Land verlasse und nicht hierbleibe, um zu kämpfen? Aber was wäre die Chance, wenn ich gehe? Das ist sehr heikel. Die, die auf der Flucht sind, die sorgen sich ganz profan, um ihren Hund und um die zurückgebliebenen Familien. Denn eine Strategie von Diktatoren ist oft, die Rache an den Familienmitgliedern oder auch die Rache durch Informationsstopp. Diejenigen, die außer Landes sind, wissen nicht, was geschieht mit meinen Familienangehörigen. Die können leicht denunziert werden, kommen ins Okrestina-Gefängnis und werden dort eingesperrt. Dort müssen sie auf dem Boden schlafen, kriegen nichts zu trinken und bekommen angedroht, dass ihnen eine Granate in den Anus geschoben wird, wenn sie aufmucken. Das heißt, es ist viel Unsicherheit und Scham, wenn man flüchtet und gleichzeitig ist das die Chance, von außerhalb wieder etwas aufzubauen. Und wenn es dann darum geht, zum Beispiel Schengen-Visa zu kommen, da brauchen wir wirklich die Unterstützung der jeweiligen Außenministerium, dass die sich dazu durchringen.

Gibt es auch gute Nachrichten aus dem Land?

Sowohl der Pen Belarus als auch die Union der freien Journalistin als auch die Union der freien Schriftsteller und Schriftstellerin sind auf dem Standpunkt, dass nur weil man ihr Büro geschlossen hat, das nicht heißt, dass es sie nicht mehr gibt. Solange sie lebendig sind, kann man nicht davon sprechen, dass es kein freies Wort mehr in Belarus geben kann.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Weitere Informationen
tut.by-Reporterin Katja Borisewitch wurde nach sechs Monaten Haft entlassen © NDR

Belarus: Machthaber nehmen unabhängigen Journalismus ins Visier

In Belarus ist die größte unabhängige Nachrichtenwebsite tut.by nicht mehr erreichbar. Redaktionen werden durchsucht, Journalistinnen verhaftet. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.07.2021 | 18:00 Uhr

Übersicht

Drucker bei der Arbeit © dpa

Journal

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr