Stand: 20.07.2014 09:45 Uhr

Uwe Johnson - Dichter der deutschen Teilung

von Irene Altenmüller

Eine zehnjährige Krise hindert Johnson am Schreiben

Von 1966 bis 1968 lebt Johnson mit seiner Familie in New York, wo er als Schulbuchlektor arbeitet. In New York verfestigt sich auch seine Freundschaft zu der politischen Philosophin Hannah Arendt, die bis zu ihrem Tod 1975 halten sollte. In New York beginnt Uwe Johnson 1968 sein viel gerühmtes Hauptwerk, die "Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl".

Der Schriftsteller Uwe Johnson 1973 © dpa Foto: Manfred Rehm
Uwe Johnson 1973. Nur ein Jahr später verfiel er in eine tiefe seelische Krise.

Der erste Band erscheint 1970, der zweite und dritte Teil schließen sich 1971 und 1973 an. 1974 zieht Uwe Johnson nach Sheerness-on-Sea auf der Themse-Insel Sheppey. Dort verfällt er in eine tiefe seelische Krise, die sich in einer fast zehn Jahre andauernden Schreibblockade manifestiert. 1979 ist Uwe Johnson Gastdozent für Poetik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Im selben Jahr erhält er den Thomas-Mann-Preis. 1983, ein Jahr vor seinem Tod, erscheint schließlich der vierte Band der Jahrestage. Am 23. Februar 1984 stirbt Uwe Johnson in Sheerness-on Sea an Herzversagen. Seine Leiche wird erst knapp drei Wochen später, am 12. März, dort aufgefunden.

In seinem Buch "Jahrestage" greift Uwe Johnson auf Personal zurück, das er bereits in seinem ersten Roman, den "Mutmassungen", eingeführt hatte. Erzählt wird die fiktive Geschichte der Gesine Cresspahl, einst Jakobs Freundin, die seit den 60er-Jahren in New York lebt. Verwoben werden Gesines eigene Erinnerungen an das frühere Leben in der mecklenburgischen Heimat Jerichow mit Erinnerungen an ihre Eltern und deren Vergangenheit unter dem NS-Regime und in der Nachkriegszeit. Im letzten Band geht es um Gesines gegenwärtiges Leben vor dem Hintergrund der damaligen historischen Ereignisse wie dem Prager Frühling und dem Vietnamkrieg. Fiktion und historische Realität werden kunstvoll miteinander verflochten.

Jerichow - Johnsons fiktiver Ort findet Platz im Kino

Blick auf das Uwe-Johnson-Literaturhaus in Klütz (Nordwestmecklenburg), untergebracht in einem sanierten Getreidespeicher. © dpa - Report Foto: Jens Büttner dpa/lmv
Das Literaturhaus Uwe Johnson in Klütz - der Ort, der wohl dem fiktiven Jerichow in den Romanen entspricht.

Die deutsche Regisseurin Margarethe von Trotta verfilmte die "Jahrestage" im Jahr 2000 mit Suzanne von Borsody in der Rolle der Gesine Cresspahl. 2008 taucht Johnsons Hauptwerk erneut im Kino auf - vesteckt in einer Anspielung. Christian Petzolds Verfilmung einer tragischen Dreiecksbeziehung trägt den Titel "Jerichow". Hier stand offenbar Johnsons fiktiver Ort in Mecklenburg, Heimat Gesine Cresspahls, Pate.

Johnson selbst legte in seinen "Jahrestagen" nahe, dass Jerichow der Kleinstadt Klütz im damaligen Zonengrenzbezirk Lübeck in Nordwestmecklenburg entspricht. Aus diesem Grund befindet sich seit 2006 in Klütz das Uwe-Johnson-Literaturhaus, das Lesungen veranstaltet und eine Dauerausstellung zu Johnson beherbergt. Bereits seit 1994 wird jährlich zu Ehren des Schriftstellers der Uwe-Johnson-Preis verliehen.

"Dichter beider Deutschland"

Mutmassungen über Jakob

Mutmassungen über Jakob
Von Uwe Johnson.
Verlag: Suhrkamp
Taschenbuch, 307 Seiten
Preis: 9 Euro

Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl.
Von Uwe Johnson.
Verlag: Suhrkamp
Einbändige Ausgabe, 1703 Seiten
Preis: 29,50 Euro

Hannah Arendt - Uwe Johnson.
Der Briefwechsel 1967 bis 1975.
Herausgegeben von Eberhard Fahlke und Thomas Wild
Verlag: Suhrkamp
Taschenbuch, 344 Seiten
Preis: 19,80 Euro

Schon kurz nach dem Erscheinen seines ersten Romans ehrte die Literaturkritik Uwe Johnson mit dem Titel "Dichter beider Deutschland". Johnson selbst lehnte diese Festlegung ab: "Damit können sie mir gestohlen bleiben", so der Schriftsteller wörtlich.

Und doch trifft die Bezeichnung durchaus zu. Denn die deutsche Teilung und das, was die politischen Umstände mit den Menschen anstellen, wie sie in das Individuum hineinwirken, diese Themen sind zentrale Motive seines Werks. Die Schicksale von Johnsons Figuren sind, obgleich auch universell lesbar, sehr deutsche Schicksale.

Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall hat Johnson mit seinem Werk zusätzlich an Bedeutung gewonnen - als Dokumentar des Traumas der deutsch-deutschen Teilung.

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Dieses Thema im Programm:

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