Cover von Lutz Seilers "schrift für blinde riesen" © Suhrkamp

"schrift für blinde riesen" von Lutz Seiler: Zurück zum Gedicht

Stand: 16.08.2021 15:01 Uhr

Als Romanautor hat er mit dem Deutschen Buchpreis und dem Preis der Leipziger Buchmesse einige der wichtigsten Literaturpreise bekommen. Nun kehrt Seiler zurück in den Heimathafen seines literarischen Schaffens: das Gedicht.

von Juliane Bergmann

Um das große Ganze soll es in dieser Sammlung gehen - das macht Lutz Seiler bereits in seinem ersten Gedicht "morgenrot & knochenaufgänge" klar.

stunde null im habitat. der sogenannte affenmensch
sitzt in der savanne & kann
nichts sehen - das gras
ist zu hoch.

Das Eröffnungsgedicht verhandelt die Menschwerdung, genauer: den erlernten Präzisionsgriff, einen evolutionären Meilenstein, der uns geschickter werden ließ - und uns letztlich das Schreiben ermöglichte. Das Bewahren, das Festhalten von Worten - von Poesie?

dann das knacken, hörbar
in den kapseln, ein druck, ein griff
nach der geschichte: daumen & zeigefinger
kommen zusammen, die
schreibhand entsteht. zehntausend jahre
vor dem aufrechten gang

Lutz Seiler: stimmungsvolle, autobiografische Bilder einer Kindheit in der DDR

Der Mensch ist Mensch, weil er schreibt. Zugegeben: Ein Gedanke, der als Einstieg für einen Lyrikband etwas plump und gewollt daherkommt. Die Gedichte, die folgen, sind dann zum Glück weniger plakativ. Wie auch in seinen beiden Wendezeit-Romanen "Kruso" und "Stern 111" webt Lutz Seiler eigene Erfahrungen und Autobiografisches mit ein. Sein Heimatdorf Culmitzsch wurde 1968 für den Uranerzbergbau geschleift, die Familie zwangsumgesiedelt. Er wuchs in Gera auf, spielte Fußball, wurde Zimmermann und Maurer, war bei der NVA. All das klingt - mal eindeutig, mal nur angetupft - in diesem Band an. Seine Lyrik zeigt in stimmungsvollen Bildern eine Kindheit und Jugend in der ostdeutschen Industrielandschaft.

ich war
verteidigung, dann mittelfeld, kein
linksfuß, aber immer links, ich spielte
mit uran im urin & zerschlagenen knien
auf dem schlackeplatz unserer lieder

Über bittersüße Melancholie und die Sehnsucht nach Freiheit

Lebendig ist der Rhythmus, fein und klar der Ton dieser Gedichte. Viele Worte braucht Lutz Seiler nicht, um sie so plastisch zu zeichnen, diese bittersüße Melancholie. Da taucht der floskelaffine Astronomielehrer Herr Klotz auf, dem die Haare aufsehenerregend aus den Ohren wachsen. Die Rechenzentren funktionieren im Takt von Lochkarte zu Lochkarte. Ein Vater, der fehlt, dessen Postkarten-Botschaft die Garderobe ziert. Auf dem Frühstückstisch die festen Utensilien: "blaues Thermos, Muckefuck, Mehrfruchtmarmelade". Und im Kopf des lyrischen Ichs: ein leises Sehnen nach der Freiheit der großen Welt:

dazu das radio, bayern 3, in the ghetto
& zwei brötchenhälften, vorgeschmiert
bis ich weinen musste"

Mit "schrift für blinde riesen" zurück zum Gedicht

Vor allem als Romanautor ist Lutz Seiler zuletzt in Erscheinung getreten, mit bemerkenswertem Erfolg. Angefangen hat er aber als Zwanzigjähriger mit kurzer Prosa und Lyrik. Bei ihm fließt auch in diesem Buch alles elegant ineinander: nicht nur Erlebtes und Erfundenes, sondern auch die literarischen Gattungen. Während sich der junge Protagonist Carl in seinem letzten Roman zum Dichter berufen fühlt, haben seine Gedichte in dieser Sammlung immer auch etwas Geschichtenhaftes, Erzählendes. Der Leserin begegnen Menschen, die nach Halt suchen in einer Zeit voller Umbrüche. Dabei verbeißt sich Lutz Seiler nicht in die Vergangenheit. Er schenkt uns auch ein paar sehr treffende Gedichte aus dem Hier und Jetzt.

tage-läuten, tage-pfeifen -
da ist das schauen angebracht;
du atmest ein, das bild vertieft
die mulde vor dem mund. der atem
schwer, der stoff vertieft
bis ins gebiss: "man sieht
nur was vorüberzieht." heißt
bleiben, stottern, weiterschreiben

Ein Lyrikband, der vor allem in seinen ganz leisen Momenten glänzt. Gut beobachtet, unaufgeregt, atmosphärisch.

schrift für blinde riesen

von Lutz Seiler
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Gedichte
Verlag:
Suhrkamp Verlag
Veröffentlichungsdatum:
15. August 2021
Bestellnummer:
978-3-518-43000-2
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.08.2021 | 12:40 Uhr

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