Elizabeth Strout: "Oh, William" (Cover) © Random House

Wie ein Küchentisch-Gespräch: Elizabeth Strouts "Oh William"

Stand: 15.11.2021 15:04 Uhr

Lucy Barton spielt im dritten Roman von Elizabeth Strout eine zentrale Figur. Der Titel klingt wie ein Seufzer von ihr: "Oh William".

Elizabeth Strout: "Oh, William" (Cover) © Random House
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von Annemarie Stoltenberg

Lucy Barton war in erster Ehe mit William verheiratet, hat zwei Töchter mit ihm großgezogen, ihn dann aber verlassen. In zweiter Ehe war sie mit David verheiratet, der aus einer chassidischen Gemeinde bei Chicago stammte, die er mit 19 Jahren verließ und darum für immer verstoßen wurde. In dieser zweiten Ehe, so erinnert sich Lucy, hatte die beiden verbunden, dass sie aus Familien stammten, die nach außen vollkommen abgeschottet lebten. Sie kannten als Kinder kein Fernsehen und viele andere Dinge, mit denen amerikanische (und vermutlich auch europäische) Kinder sonst üblicherweise ganz selbstverständlich aufwachsen, ebenfalls nicht.

Es war eine Ehe mit großer Nähe. Aber David ist gestorben und der erste Mensch, den sie vor Schreck angerufen hat, war William, ihr erster Mann, um ihn um Unterstützung zu bitten. Und so ist es auch für William. Immer wenn sich in seinem Leben etwas Dramatisches ereignet, ruft er Lucy an, sie solle sofort kommen.

Es gab Zeiten in unserer Ehe, da habe ich ihn verabscheut. Ich spürte mit einem Grauen, das sich wie ein dumpfer Ring um meine Brust legte, dass da hinter seiner liebenswürdigen Distanz, hinter seiner sanften Art eine Mauer war. Nein, schlimmer noch: Unter dieser geballten Liebeswürdigkeit lauerte etwas Infantil-Mürrisches, über seine Seele huschte gleichsam ein Schatten, und ich sah einen dicklichen kleinen Buben mit vorgeschobener Unterlippe vor mir, der die Schuld bei anderen suchte, bei dem und bei jenem - er gab die Schuld mir, hatte ich oft das Gefühl, er machte mich für Dinge verantwortlich, die mit unserem jetzigen Leben nicht zu tun hatten. Leseprobe

Prägende Erinnerungen an die Vergangenheit

Währenddessen nennt er sie "Liebling" und macht ihr Kaffee, den er mit Märtyrermiene serviert. Aber all das ist doch kein Grund, jemanden zu verlassen, möchte man der Ich-Erzählerin Lucy zurufen. Dann müsste wohl fast jede Ehe geschieden und nervende Kinder zur Adoption freigegeben werden. Wenn das sich gegenseitig auf die Nerven gehen, Trennungsgründe wären.

Merkwürdigerweise wird seine Untreue von ihr nicht erwähnt. Vielleicht weil sie diejenige sein wollte, die gegangen ist. William hat dann noch zweimal geheiratet und ist zweimal verlassen worden und immer hat er in Krisensituationen Lucy angerufen. Auch als er herausfindet, dass seine Mutter vor ihm schon ein Kind hatte, von dem er nichts wusste. Zwischendurch erinnert sich Lucy an ihre unfassbar schwere Kindheit. Sie und ihre Geschwister bekamen den Mund mit Seife ausgewaschen, wenn man sie beim Lügen ertappt hatte.

Wer immer es war, der gelogen hatte - lassen wir es in diesem Fall meine Schwester sein, Vicky-, … musste sich ... auf den Rücken legen und den beiden anderen Kindern ... wurde befohlen, sie festzuhalten. ... Dann holte meine Mutter den Spüllappen aus der Küche, ging damit ins Bad und seifte ihn gründlich ein, woraufhin Vicky die Zunge herausstrecken musste und meine Mutter ihr den Spüllappen in den Mund stopfte und ihn dort drehte und wendete, bis Vicky zu würgen anfing. Leseprobe

Roman mit ganz losen Zügeln

Das trieb auch einen Keil zwischen die Kinder, die gezwungen wurden, etwas so Brutales gegen die Geschwister zu tun. Ein wiederkehrendes Motiv ist Lucys Wunsch, von den Eltern, egal wie sie waren, als ihr Kind doch geliebt worden zu sein. Vielleicht wird Liebe einfach überschätzt.

Elizabeth Strout schreibt diesen neuen Roman mit ganz losen Zügeln, es sind eher Notate von Selbstgesprächen, zwischen sich assoziativ reihenden Erinnerungen mit eingestreuten Klagerufen: "Oh, wie ich David vermisse!" Tulpen, Lucys Lieblingsblumen, die David ihr immer geschenkt hat, sind auf dem Umschlag zu sehen. Es ist so ein Buch, mit dem man sich anfreunden kann. Es fühlt sich an wie lange Gespräche am Küchentisch.

Oh William

von Elizabeth Strout,  aus dem Amerikanischen von Sabine Roth
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchtehand
Bestellnummer:
978-3-630-87530-9
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.11.2021 | 07:20 Uhr

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