Sendedatum: 27.09.2013 12:40 Uhr

Verspätetes Schuldbekenntnis

Vor der Wand
von Michael Göring
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Georg setzt sich mit der Vergangenheit seines Vaters im Zweiten Weltkrieg auseinander.

Er wolle keine Komödien schreiben, sondern Geschichten, die Menschen berühren. So beschreibt Michael Göring, der Vorstandsvorsitzende der Zeit-Stiftung, warum er relativ spät doch noch begann, selbst Bücher zu verfassen. Und seine Themen sind in der Tat schwere Kost: In seinem Debüt "Der Seiltänzer" thematisierte er den Missbrauch in der katholischen Kirche. Und in seinem neuen Buch, "Vor der Wand", geht es um Kriegsverbrechen der SS während des Zweiten Weltkriegs.

Schreckliche Kriegserinnerungen

Ob Oratorien oder Operettenschlager: Walter Mertens liebt die Musik. Selbstverständlich kommt er daher zum Chorkonzert seines Sohnes Georg: Der "Elias" von Mendelssohn steht auf dem Programm. Doch das Stück bringt lang verschüttete Ängste wieder zurück.

Ich hatte den Elias nie zuvor gehört. Und dann sitze ich da und auf einmal singt ihr diese Stelle, dass Gott die Missetaten der Väter bis ins dritte und vierte Familienglied verfolgt. Das ist es, denke ich, da singt ihr, da singt mein eigener Sohn, was ich seit dem Krieg so oft instinktiv gefühlt, ja gewusst habe: Diese fürchterlichen Taten werden uns noch in Generationen verfolgen.

Fehlende Aufarbeitung

Und fürchterlich war es tatsächlich, was Walter Mertens im Krieg erlebt - und auch selbst getan hat. Gesprochen hat er mit seinem Sohn darüber nie. Doch schon als Jugendlicher ahnt Georg, dass auch sein Vater nicht unschuldig war. Inspiriert von Büchern wie "Die Ermittlung" von Peter Weiss will er die Wahrheit ans Licht holen. Doch Walter weigert sich, Vater und Sohn leben sich auseinander. Erst Jahrzehnte später, als Walter auf dem Sterbebett liegt, beginnt er zu erzählen - von seiner Zeit in Italien und dem Angriff auf das Dorf Sant' Anna.

Kampe rief "Feuer Feuer" und schoss. Er sah mich und meine beiden Kameraden an mit diesen brennenden Augen und schrie: "Schieß, Mertens, schieß doch endlich, die steh'n doch schon vor der Wand!" Und ich nahm die Pistole und schoss, ich schoss, ich schoss!

Gedenken an die Opfer

"500 Menschen wurden damals von den SS-Truppen ermordet. Die meisten von ihnen Frauen und kleine Kinder. Ein Verbrechen, das tatsächlich stattgefunden hat - und dessen Täter nie verurteilt wurden. Michael Göring erfuhr 2006 davon, als die "Zeit"-Stiftung gebeten wurde, eine Friedensorgel für Sant' Anna zu finanzieren. Erschüttert darüber, dass er nichts von diesem Massenmord wusste, begann er zu recherchieren.

Der Roman "Vor der Wand" ist also auch ein spätes Gedenken an die Opfer, ein Versuch, ihren grausamen Tod nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Allein dafür, sich dieses wenig erforschten Teils deutscher Kriegsverbrechen anzunehmen, hat dieser Roman schon große Beachtung verdient.

Belastung für die Nachkommen

Doch Göring fügt noch eine weitere Ebene hinzu - eben jene aus dem Elias: Die Heimsuchung der Väter Missetat an den Kindern. Denn die Schuld des Vaters zerstört auch Georgs Leben - seine Sängerkarriere, seine politischen Ambitionen, seine Beziehung zu Marie.

"Jahrelang hat er dich hingehalten mit seiner Antwort, jetzt ist sie da und du fühlst dich um deinen Lohn gebracht. Denn jetzt ist er schwach und krank." - "Manchmal, Marie, denke ich, dass ich gar nichts fühle. Nur ein unbestimmtes 'Weiß nicht, lass mich in Ruhe'."

Ja, es gibt bereits viele Romane über die Schuld des einzelnen Soldaten im Nazi-Regime, sie ist schon oft analysiert, diskutiert und auch hinterfragt worden. Trotzdem hat sie nichts von ihrer Aktualität verloren - weil sie nicht nur die Täter prägte, sondern auch ihre Nachkommen, die damit leben mussten, dass auch ihre geliebten Väter Mörder waren. Görings Roman ist ein beeindruckendes Beispiel dafür.

Weitere Informationen

Das Verbrechen von Sant'Anna di Stazzema

Am 12. August 1944 verüben Truppen der Waffen-SS ein Massaker an der Bevölkerung eines kleinen italienischen Dorfes. Der Autor Michael Göring hat sich mit diesem Ereignis intensiv beschäftigt. mehr

Vor der Wand

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Osburg Verlag
Bestellnummer:
978-3-95510-0230
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.09.2013 | 12:40 Uhr

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