Stand: 17.05.2018 09:12 Uhr

Die Einsamkeit von Außenseitern

Der Neue
von Tracy Chevalier, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Sabine Schwenk
Vorgestellt von Christiane Irrgang

Der amerikanische Verlag Hogarth Press hat vor einigen Jahren ein Shakespeare-Projekt aufgelegt und Schriftsteller eingeladen, Romane zu schreiben, die sich an Shakespeare-Dramen anlehnen. Entstanden sind Werke von Margaret Atwood, Jo Nesbø, Howard Jacobson und anderen. Tracy Chevalier hat sich für "Othello" entschieden und leistet damit einen Beitrag zur aktuellen Rassismus-Debatte. "Ich brauchte mir weder eine Geschichte noch Personen auszudenken", erklärte sie. "Ich brauchte lediglich einen Schauplatz, an den ich die Geschichte anpassen musste." Den hat sie gefunden: Ihre Nacherzählung "Der Neue" spielt auf einem Schulhof.

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"Der Neue" verknüpft die Elemente einer Teenie-Geschichte mit der Rassismus-Problematik in der amerikanischen Gesellschaft sowie der Tragik eines Shakespeare-Dramas.

Die Geschichte mutet ein wenig an, als hätte der Verlag ein Frühwerk der späteren Erfolgsautorin erstmalig herausgebracht. Aber auch in Großbritannien ist "Der Neue" erst im vergangenen Jahr veröffentlicht worden.

Tracy Chevalier ist in einem äußerst multikulturellen Viertel von Washington DC aufgewachsen. Das habe sie bei ihrer Neuerzählung von "Othello" inspiriert, sagt sie: "Das Stück kreist um die Frage, was es bedeutet, Außenseiter zu sein. Dieses Gefühl kennen wir alle. Jeder von uns hat schon mal am Rand einer Gruppe gestanden und sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich dazuzugehören."

Ein ungleiches Paar

Ihre Geschichte spielt in den 70er-Jahren in einer amerikanischen Vorstadt. Es ist die Geschichte von Daniela, genannt Dee, und Osei, der sich O nennen lässt, weil er aus Erfahrung weiß, dass die Mitschüler Schwierigkeiten mit seinem ghanaischen Namen haben werden. Doch nicht nur mit seinem Namen haben sie Probleme, auch mit seiner Hautfarbe.

"Ich bin hier der Neue - der schwarze Neue. Ich kann froh sein, wenn ich den Tag überlebe, ohne zusammengeschlagen zu werden." Leseprobe

Osei bedeutet "von edler Geburt" - aber seine Abstammung interessiert niemanden - mit Ausnahme von Dee.

"Dee hatte ihr Leben lang im selben Haus gewohnt, dieselbe Schule besucht, dieselben Freunde gehabt; sie war es gewohnt, dass alles, was sie tat, mit einem angenehmen Gefühl der Vertrautheit einherging." Leseprobe

Der herrlich exotische und gleichzeitig weltläufige Diplomatensohn fasziniert sie. Die beiden Zwölfjährigen freunden sich an.

"Erstaunen und Erleichterung überwältigten Dee: Er fühlte also genauso wie sie; sie konnten sich aneinander lehnen. Mit einem Mal begriff Dee, dass echte Paare sich nicht fragen mussten, ob sie miteinander gehen wollten. Echte Paare waren einfach zusammen." Leseprobe

Zwischen Jugendbuch und Sozialkritik

Aber nicht an diesem Ort und zu dieser Zeit. Das empfindliche Gleichgewicht auf dem Schulhof gerät in Gefahr. Das hübscheste Mädchen, der beste Sportler und der fiese Tyrann - sie alle fühlen sich irritiert oder gar bedroht. Auch die Lehrer:

"'Habe ich etwas verpasst?', fragte Miss Lode leise. 'Unangemessenes Verhalten', brummte Mr Brabant. 'Er hat Dee angefasst. Typisch.' Miss Lode schien verwirrt. 'Haben Sie ... ich meine, haben Sie schon oft mit ... Schwarzen zu tun gehabt?‘ "Mit 'nem ganzen Bataillon!' - 'Oh, ich ... Entschuldigung.'" Leseprobe

In weiten Teilen ist "Der Neue" eine fast banale Teenie-Geschichte, die man eher im Bücherregal unter "Jugendliteratur" vermuten würde. Schulhoflieben, Schulhofrivalitäten und Schulhofintrigen; die Bösen sind so richtig böse und die Guten geradezu unheimlich gut. Dass der Roman sich dennoch an Erwachsene wendet, merkt man an den reflektierenden Passagen.

"Sie war schön - ein Wort, das zur Beschreibung eines so jungen Mädchens nicht unbedingt geeignet war. 'Süß' war da sehr viel geläufiger. Das Wort 'schön' hatte eine Tiefe, der ein Mädchen dieses Alters eigentlich nicht gewachsen war. Doch sie war schön." Leseprobe

Drama in einem Tag

Diese Lovestory kann nicht glücklich enden, das weiß man von Anfang an. In Shakespears Tradition spinnt der tyrannische Junge erfolgreich seine Ränke und treibt einen Keil zwischen das Paar. Und schließlich rastet der stets so kluge, wohlerzogene, vernünftige Osei aus.

Tracy Chevalier hat das Drama von Othello und Desdemona auf einen einzigen Schultag reduziert - ein kluger Schachzug, die Handlung nicht unnötig aufzublasen. Jegliche Komplexität geht dadurch allerdings auch verloren. Warum die Intrige hier so gut funktioniert, ist deutlich schwerer nachzuvollziehen als bei Shakespeare. Wer sich aber von diesem große Vorbild löst, liest eine durchaus packende Geschichte über das Heranwachsen und die Einsamkeit von Außenseitern.

Der Neue

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Knaus
Bestellnummer:
978-3-8135-0671-6
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

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