Cover von Tom Sallers "Julius oder die Schönheit des Spiels". © List Verlag

Nicht nur für Tennis-Fans: Tom Sallers "Julius oder die Schönheit des Spiels"

Stand: 11.08.2021 14:26 Uhr

In seiner literarisierte Biografie "Julius oder die Schönheit des Spiels" erzählt Tom Saller eine Geschichte angelehnt an das historische Vorbild Gottfried von Cramm, die nicht nur was für Tennis-Fans ist.

Cover von Tom Sallers "Julius oder die Schönheit des Spiels". © List Verlag
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von Benedikt Scheper

Gerade hat ja mit Alexander Zverev ein Hamburger bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille im Tennis Herren-Einzel gewonnen. Erstmals überhaupt, denn bisher war das unter Deutschen nur Steffi Graf gelungen. Pionierleistungen in diesem Sport hat aber auch Gottfried von Cramm erbracht. Der Aristokrat siegte bei Grand Slams, wurde als erster Deutscher in die International Tennis Hall Of Fame aufgenommen und gilt als Ikone des sogenannten weißen Sports. In Anlehnung an das historische Vorbild hat Tom Saller nun einen Roman geschrieben. Er heißt wie die Hauptperson: "Julius".

"Julius oder die Schönheit des Spiels": Reicher Adelsspross will Tennis-Weltmeister werden

Julius erscheint geradezu prädestiniert zu sein für den weißen Sport. Privilegiert wächst der Adelsspross auf einer Burg am Mittelrhein auf - mit einem privaten Tennisplatz zu einer Zeit, als es kaum Clubs und Courts gab. Neben bester Bildung und erstklassiger Erziehung schult sich der Freigeist an der damals weißen Filzkugel, entwickelt eine lebenslange Leidenschaft und enormes Talent.

Sobald ich den Platz betrat, geschah etwas mit mir, erfasste mich eine mir selbst nicht erklärliche monomane Energie.

Von Anfang an will er "World Champion" werden. Den Weg dorthin führt der Roman parallel mit der Historie des Rheintals. Die ist von politischen Umwälzungen geprägt, in deren Zuge der Großvater des Protagonisten durch gewaltsame Separatisten sein Augenlicht verliert. Julius fängt an, ihm Tennis-Spiele nachzuerzählen.

Für Großvater wurde ich zum Radio. (…) So brannten sich meine Matches in mein Gedächtnis ein, ich brannte sie in mein Gedächtnis ein. Ein Schatz, den ich hütete wie meinen Augapfel.

Gelegentlich hölzern und plattitüdenreich

Dem Autor Tom Saller gelingt es zwar, Ballwechsel und Matches anschaulich zu beschreiben. Doch die Spannung des Spiels und Anspannung des Sportlers vermag der Text nicht wirklich zu transportieren. Stilistisch wirkt der Roman gelegentlich etwas hölzern - selbst für eine Ich-Erzähler-Perspektive.

Es war den Tag über recht schwül gewesen, wahrscheinlich würde es bald regnen - so viel zum Thema "es schien fast immer die Sonne".

Einzelne Plattitüden stören ebenso wie hingebogene Tennis-Gleichnisse, hier in Bezug auf Wetter-Phänomene.

Für den Augenblick halten die Menschen inne: nachdenklich, demütig, gleichgültig - bis es wieder aufklart und das Leben weitergeht. Ein 'big point' der Natur.

Bewegende Darstellung von Hetze gegen Homosexuelle während der NS-Zeit

Als die Hauptperson nach Berlin zieht, nimmt die Erzählung Fahrt auf. Julius avanciert zum Tennis-Star, einem "Aushängeschild" des Deutschen Reiches. Doch er verkehrt auch im Nachtleben der Hauptstadt, schwärmt zwar für seine Jugendliebe Julie, trifft aber auch Männer. Darunter Moses, dem er beim Verlassen des Landes hilft. Für die Nazis Grund genug, ihn zu verhaften. 

(...) die Polizei (habe) herausgefunden, ich sei regelmäßiger Besucher in einschlägigen Lokalen gewesen - meist in männlicher Begleitung (…). Wesentlich schwerer allerdings wiege der Vorwurf des Landesverrats.

Das erklärt der gefallene Star in seinen Gefängnis-Notizen, die immer wieder in den Haupttext eingeflochten sind. Die Parallelen zum realen Vorbild, Gottfried von Cramm, und die bewegende Darstellung von Denunziation und Hetze gegen Homosexuelle während der NS-Diktatur zeigen, dass das Buch viel mehr erzählt als nur über "die Schönheit des Spiels". Der Roman "Julius" ist keine große Literatur, aber eine interessant literarisierte Biografie - nicht nur für Tennis-Fans.

Julius oder die Schönheit des Spiels

von Tom Saller
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
List
Veröffentlichungsdatum:
02. August 2021
Bestellnummer:
978-3-471-36042-2
Preis:
22,00 €

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