Stand: 21.08.2014 14:14 Uhr

Schlossfräulein auf verwunschener Insel

von Jan Ehlert
Buch-Cover Thomas Hettche, Pfaueninsel © Kiepenheuer & Witsch
Hettches Roman spielt in märchenhafter Umgebung

20 Romane stehen auf der Longlist für den diesjährigen deutschen Buchpreis. Mit dabei ist auch ein Buch von Thomas Hettche - wieder einmal, möchte man sagen, denn schon 2006 und 2010 schafften es die Romane Hettches in die engere Auswahl für diese Auszeichnung. Ob er auch mit "Pfaueninsel" Chancen hat, diesmal am Ende ganz vorn zu landen?

Am Anfang war nur ein Wort. Es ist der Königin herausgerutscht vor Schreck. Sie hatte damit niemandem weh tun wollen, aber manchmal - und besonders bei Thomas Hettche - entfalten Worte, einmal losgelassen, ihre ganz eigene Kraft.

Leseprobe 1:

Vor nichts anderem als einem Wort rannte der Zwerg davon, und das eigene Geheul folgte ihm und darin ebenjenes Wort der Königin, dem zu entkommen ihm nicht gelang. Und so traf schließlich ihr Wort auch Marie noch, der fernwirkende Pfeil, der es war und der so lange nachwirken sollte, das ganze Leben des kleinen Mädchens hindurch: Monster.

Verblassende Fabelwesen

Und ein Monster kann man nicht lieben, höchstens im Märchen. Aber die Geschichte, die Hettche hier erzählt - die Geschichte der kleinwüchsigen Marie Strakon, Schlossfräulein auf der Pfaueninsel - ist keines, auch wenn es darin von Zwergen, Riesen und Geisterwesen nur so wimmelt. Es hat dieses Schlossfräulein gegeben, das durch ein einziges Wort vom Mensch zum Tier degradiert wird. Und das damit auch von ihrem Geliebten, dem normalwüchsigen Gärtnerssohn, nicht als Mensch geliebt werden kann, sondern nur als Tier.

Leseprobe 2:

Schloßfräulein, dachte Marie, und begann zu weinen, war sie nur in dieser Welt der Lüge, in der wirklichen aber ein Monster. Und sie hatte es ja immer gewußt. Die Jahre auf der Insel hatten dieses Wissen nur beruhigt, hatten es einschlafen lassen und ihr das Gefühl gegeben, es könnte doch gut sein, wie sie nun einmal war.

Maries Erwachen, ihre Selbsterkenntnis, erinnert an die Vertreibung aus dem Paradies. Doch dazu lässt sie es nicht kommen. Sie verschließt das Wort in ihrem Herzen, sucht dennoch die Liebe, scheitert und sucht erneut. Trotzdem bleibt sie in ihrem Garten Eden, einem Garten, der genau wie der biblische von Löwen, Bären und zahlreichen anderen wilden Tieren bevölkert ist.

Leseprobe 3:

8 Lamas, 4 Fettschwanzschafe, 16 ungarische Schafe, 14 Merinoschafe, 9 Edelhirsche, 2 Kakadus, 4 Perequetos, 4 Quistitiaffen, 1 Bisamschwein, 1 Stachelschwein, 2 Pfaueninselschwäne, 3 Coatis, 1 brasilianischer Fuchs.

König Friedrich Wilhem III. holte all diese Tiere Anfang des 19. Jahrhunderts auf die Pfaueninsel, ein kleines Stück Land in der Havel bei Potsdam. Schon in den 90er-Jahren stieß Hettche auf diese märchenhafte Geschichte; in seinem "Fahrtenbuch", das 2008 erschien, ist die Faszination bereits zu spüren, die sie auf ihn ausgeübt haben muss.

Märchenhafte Methapher

Mehr als ein Jahrzehnt hat er recherchiert, "Pfaueninsel" ist also ein historischer Roman mit vielen Anspielungen auf das damalige Weltgeschehen in dem der Friede immer brüchiger wurde.So bricht die Welt rund um Marie zusammen - aber, anders als ein anderer berühmter Kleinwüchsiger der Literatur, wirkt sie nicht daran mit, sondern versucht, sie zu bewahren. Anders als Oskar Matzerath zersingt sie keine Fensterscheiben, sondern ist von der Zerbrechlichkeit des Glases fasziniert. "Wieder und wieder stieß sie den Kelch vorsichtig mit ihrem Zeigefinger an, ganz leicht nur, und immer wieder vollführte er seine Drehung um den imaginären Zirkelpunkt." Einfachen Dingen ihre Faszination zu entlocken - das ist eine der Stärken Thomas Hettches.

Honorierte Genrevielfalt

Überhaupt: Es gibt derzeit wohl kaum einen deutschsprachigen Autor, der so viele unterschiedliche Genres so versiert bedienen kann: Der Kriminalroman "Der Fall Arbogast", die Sozialstudie "Die Liebe der Väter", der Amerika-Roman "Woraus wir gemacht sind", und nun der historische Roman. Ja, verdient hätte Hettche den Buchpreis deswegen allemal. Obwohl: Auch diese Geschichte könnte viele Enden haben.

"Insofern gibt es ja andere Preise, die vielleicht noch ein bisschen ehrenvoller sind, man denke an den Büchner-Preis, den ich nicht bekommen habe bisher, an den Kleist-Preis, den ich auch noch nicht bekommen habe, den Döblin-Preis, den ich auch noch nicht bekommen habe, und so weiter. Insofern ist es nicht ganz so, dass man den deutschen Bücherpreis so ernst nimmt. Aber ich hätte ihn schon gern bekommen", so Hettche. Vielleicht klappt es ja in diesem Jahr. Denn: Alles ist Märchen oder nichts - schreibt Hettche in "Pfaueninsel". Alles ist Märchen - also auch seine eigene Geschichte. Und die meisten Märchen, so verschieden sie sein mögen, haben doch eins gemeinsam: Ein Happy End.

Pfaueninsel

von Thomas Hettche
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04599-4
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.08.2014 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Max Mutzke performt einen Song mit Salut Salon.
91 Min

Dein Festival - Zeit für Kultur!

Gastgeber Max Mutzke empfängt unter anderem Thees Uhlmann, Lia Sahin, Leslie Clio, Salut Salon und Nils Mönkemeyer. 91 Min