Stand: 19.02.2015 18:00 Uhr  - NDR Kultur

Wunderbare Zeitreise

Das gibts in keinem Russenfilm
von Thomas Brussig
Vorgestellt von Joachim Dicks

Was für ein Multi-Talent ist dieser Thomas Brussig: Mit seinem Roman "Helden wie wir" ist er 1995 schlagartig berühmt geworden. Endlich hatte einer den langersehnten Wende-Roman geschrieben. Und dann noch mit so viel Humor, Witz und tieferer Bedeutung. Dann verfasste er die Drehbücher zu Leander Haußmanns Filmen "Sonnenallee" und "NVA" und als Ko-Autor bei Edgar Reitz' Fortsetzung der "Heimat-Trilogie". Und dann hat er auch noch den Text geliefert zu Lindenbergs "Hinterm Horizont"- Musical. Jetzt liegt sein neuer Roman vor: "Das gibts in keinem Russenfilm" - eine Zeitreise der besonderen Art von 1964 bis 2014, auf der viel Vertrautes ganz anders erscheint.

Eine literarische Zeitmaschine

Lassen Sie sich einen Moment auf folgendes Gedankenexperiment ein: Was wäre geschehen, wenn die Berliner Mauer 1989 nicht gefallen wäre? Wäre Gregor Gysi heute Honeckers Nachfolger als Generalsekretär der SED? Und Oskar Lafontaine zwischenzeitlich Bundeskanzler gewesen? Ingo Schulze Literatur-Nobelpreisträger? Und Thomas Brussig ein rebellischer DDR-Autor? "Das gibts in keinem Russenfilm" ist die fiktive Autobiografie des weltberühmten Schriftstellers Thomas Brussig, der 1991 im immer noch nicht wiedervereinigten Deutschland bei einer öffentlichen Veranstaltung dieses "babylonische Versprechen" gegeben hat:

Als ich nach meinen Privilegien als Schriftsteller gefragt wurde, rief ich: "Ich verspreche heute, daß ich erst in den Westen fahren werde, wenn jeder in den Westen fahren kann! Ich verspreche ...". Hier mußte ich unterbrechen, weil alle schrien und johlten. "Ich verspreche, daß ich erst ein Telefon haben werde, wenn jeder ein Telefon haben kann!" Hier schrien die Leute wieder, so daß ich Zeit gewann, um mir ein weiteres Versprechen zu überlegen und auf die magische Zahl Drei zu kommen. "Und ich verspreche, daß ich erst dann "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" lesen werde, wenn jeder sie lesen kann." Leseprobe

"3 Bananen"

Wie es sich bei Memoiren gehört, blickt der Autor erst einmal zurück auf seine Geburt im Winter 1964. Von den ersten Zeilen an lässt Brussig keinen Zweifel aufkommen, dass er von seiner Vorliebe für den Schelmenroman, für Satire und Groteske nichts eingebüßt hat.

Der Junge bekam aber kein Speck auf die Rippen. Noch zu meinem ersten Geburtstag lieferte die Waage so verstörende Ergebnisse, daß ich mit gelben Früchten gefüttert werden sollte, sogenannten "Bananen". Die Kinderärztin stellte jede Woche ein Rezept über "3 Bananen" aus und schickte meinen Vater zu einem ominösen Stand in der Berliner Markthalle, dessen Schaufensterscheiben mit Zeitungspapier blind gemacht waren. Mein Vater klopfte an die Scheibe. Die öffnete sich einen Spalt. Eine Hand kam zum Vorschein. Mein Vater, der sich wie in einem Agentenfilm fühlte, übergab wortlos das Rezept und einen Stoffbeutel - eine Minute später erhielt er den Beutel gefüllt zurück. Leseprobe

Im Galopp durch die deutsche Geschichte

Der deutsche Schriftsteller Thomas Brussig, 2007. © picture-alliance/ dpa
Seine Romane "Am kürzeren Ende der Sonnenallee", "Helden wie wir" und "NVA" sind verfilmt worden: Thomas Brussig.

In einem berauschenden, mitreißenden Tempo nimmt der Autor seine Leser mit durch die letzten fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte. Unendlich viele reale Figuren des Zeitgeschehens tauchen in fiktiven Szenarien auf, die aber so oder so ähnlich durchaus der Wirklichkeit entsprechen könnten: Nina Hagen auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater, Heiner Müller als Ratgeber in allen Stasi-Angelegenheiten, Petra Pau als Volksbildungsministerin, Christa Wolf als verbotene DDR-Schriftstellerin, Udo Lindenberg, Uwe Tellkamp, Edgar Reitz, Matthias Matussek und viele, viele mehr. "Das gibts in keinem Russenfilm" ist aber auch ein sehr lebensnaher Liebes- und Künstlerroman. Sätze wie diese glauben wir diesem Autor sofort:

Als ich noch kein Schriftsteller war, glaubte ich, daß einem Schriftsteller das Schreiben schwerfalle. Der Mythos von "der Mühsal des Schreibens" wird ja sorgfältig gepflegt, davon, wie einen "das weiße Papier anglotzt", von "quälenden Prozessen" ist die Rede, vom Schreibtisch, der zum "Foltertisch" wird. Meine Erfahrung war, daß das Schreiben eigentlich sogar leicht ist. ... Während ich mich im Schaffensrausch befand (den gibt's wirklich), dachte ich betrübt, daß ich all die Seiten hinterher wieder wegschmeißen muss, weil etwas, das sich so leicht schreibt, einfach nicht gut sein kann - aber ich war nur schlecht informiert. Leseprobe

Absurde Wirklichkeit

Gegen Ende, ungefähr im Jahr 2012, kommt es zu einer Begegnung der besonderen Art. Ein gewisser "Herr Richard David Precht", seines Zeichens Leiter des Heidelberger Literaturhauses, lädt Thomas Brussig zu einer Veranstaltung mit dem westdeutschen Schriftsteller Simon Urban ein. Dessen Roman "Plan D" entwerfe ein Szenario, nach dem die DDR angeblich 1989 in einer friedlichen Revolution untergegangen sei und inzwischen von einer ostdeutschen Kanzlerin regiert würde. Thomas Brussig, dieser Feuerwerk-Meister literarischer Phantasie, hat es wieder einmal geschafft: Am Ende seines Buches hält man die angeblich wirkliche Wirklichkeit für einen kurzen Augenblick für völlig absurd. Wunderbar!

Am 16. April stellt NDR Kultur den neuen Roman von Thomas Brussig im Alten Rathaus in Göttingen vor und eine Aufzeichnung dieser Veranstaltung senden wir am 19. April im Sonntagsstudio ab 20 Uhr.

Das gibts in keinem Russenfilm

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-002298-1
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.02.2015 | 12:40 Uhr

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