Stand: 14.05.2015 17:40 Uhr  | Archiv

Gesichter der Nacht

von Juliane Bergmann

Sven Marquardt gehört zu den bekanntesten Türstehern des Berliner Nachtlebens: Er fungiert typischerweise als sogenannter Chef-Einlasser im Szene-Club "Berghain". Doch das ist nur eine seiner Seiten. Sven Marquardt ist außerdem Fotograf. Nun ist sein neuer Bildband "Wild verschlossen" mit Porträts aus dem Nachtleben erschienen.

Ein eindringlicher Blick: verstört, traurig - das Porträt einer jungen Frau, Ende 20 vielleicht. Fast als schaut sie - direkt durch die Linse - in die Augen des Betrachters. Dunkel geschminkt sind ihre Lider, die Farbe ist die Schläfen hinab gelaufen. Ein verwuschelter Pony. Schön ist sie, trotz ihrer Melancholie - oder gerade deswegen.

Porträts aus dem Berliner Nachtleben

Sven Marquardt ist 1962 in Ostberlin geboren. Seit mehr als 30 Jahren fotografiert er. Bei der DEFA hatte er sich zum Fotografen ausbilden lassen. Angefangen hat er mit Mode-Strecken in Magazinen. Dann rückten aber zunehmend Menschen in seinen Fokus. Mal mehr, mal weniger inszeniert: "Es gab Jahre, in denen ich mich - wie ich denke - ein Stück zuviel in der Inszenierung mit meinem Blick auf den Menschen verloren habe. Ich glaube, dass es einem nicht gelingt, mit einem riesigen Set und vielen Details  - das kann auch das eigentliche Foto erschlagen. Das war mal so eine Phase. Aber ich bin jetzt wieder in so einer neuen Sachlichkeit von schlichteren Porträts, die direkt auf den Menschen zielen."

Seine Brötchen verdient Sven Marquardt als Türsteher und nicht mit der Fotografie. Immerhin: Inzwischen zeigt er seine fotografischen Arbeiten in Ausstellungen und hat mehrere Fotobände veröffentlicht. Sein Job als Einlasser inspiriert ihn auch künstlerisch. In seinem neuen Bildband hat er Gesichter der Nacht eingefangen. Musiker, Türsteher, Barleute. Etwa zwei bärtige Männer in schmuddeligen Zwangsjacken mit fester, ernster Mimik. Sie sitzen Schulter an Schulter in einem Ruderboot. Die Fotografien sind rätselhaft. Keine Titel. Keine Beschreibung. Dennoch sind es starke Bilder. Düster, kraftvoll, intensiv.

Authentische Aufnahmen

Viele der Aufnahmen wirken ehrlich. Augenränder, die von langen Nächten erzählen. Falten, die Schatten werfen. Verschwitzte, strähnige Haare. Marquardt reizt das Authentische. Auch beim Fotografieren legt er Wert darauf. So verzichtet er auf Blitz und künstliches Licht: "Es würde irgendwas verfälschen von dem, wie ich's eigentlich wahrnehme und sehe. Und es war immer schon nur Tageslicht. Da bin ich natürlich auch immer den Lichtverhältnissen ausgeliefert, die da sind, weil die Wetterberichte so kommen und gehen", sagt er.

Manches Mal zeigt er nicht nur den bloßen Menschen, sondern drapiert auch Symbole im Bild: einen schwarzen Pitbull, ein eisernes Kreuz als Gürtelschnalle, einen Strauß vertrockneter Blumen. Das wirkt einen Tick zu gewollt. Seine Bilder haben das nicht nötig. Gerade in ihrer Schlichtheit sind sie beeindruckend.

Ein Bildband voller Geheimnisse

Eine Frau steht vor einem Waschbecken, nackt, sie trägt lediglich Strapse. Mit einer Hand greift sie in ihr schwarzes Haar. Dem Betrachter kehrt sie den Rücken zu, blickt ihn aber durch den Spiegel an. Lasziv. Intim. 

"Wild verschlossen" ist mystisch - ein Bildband, der Geschichten spinnen lässt. Zu der Figur, die im Bild zu sehen ist. Und zu dem Mann, der hinter der Kamera steht: "Ich beschäftige mich viel mit Vergänglichkeit - und nun habe ich mich ja für den Beruf des Fotografen entschieden und da ist es ja auch ein Punkt, dass ich Sachen festhalte, irgendwas aufzubewahren von dem Augenblick, von den Emotionen und von dem Gefühl, vom Zeitgeist. Vielleicht sehne ich mich ein Stück weit nach Unvergänglichkeit, danach, irgendwas von dem zu hinterlassen, was man gemacht hat."

Wild verschlossen

von Sven Marquardt
Seitenzahl:
120 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Mitteldeutscher Verlag
Bestellnummer:
978-3-95462-457-7
Preis:
29,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 14.05.2015 | 17:40 Uhr

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