Stand: 20.04.2015 12:01 Uhr  - NDR Kultur

Das Decknamen-Projekt

Die gleißende Welt
von Siri Hustvedt, aus dem Englischen von Uli Aumüller
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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"Die gleißende Welt" hieß auch ein Roman von Margaret Cavendish, die im 17. Jahrhundert als eine der ersten Frauen Werke unter ihrem eigenen Namen veröffentlichte.

Siri Hustvedts neuer Roman "Die gleißende Welt" erscheint jetzt in deutscher Übersetzung. Die New Yorker Schriftstellerin hat als Ehefrau des Kult-Schriftstellers Paul Auster reichlich Gelegenheit, die unterschiedliche Rezeption weiblicher und männlicher Künstler zu beobachten. In ihrem neuen Buch erzählt sie vom Leben der Künstlerin Harriet Burden, die mit einem furiosen "Decknamen-Projekt" die Dominanz des männlichen Prinzips in der Kunstszene ad absurdum führen will.

Kein feministisches Manifest

"Ziehe der Zwiebel nacheinander die Masken ab und bewege dich so tiefer und tiefer in das Buch hinein." Dieses Zitat aus Kierkegaards "Entweder - Oder" taucht irgendwo in der Mitte dieses ungewöhnlichen Romans auf, der sich als die Spurensuche einer Kunsthistorikerin namens I.V. Hess ausgibt. Sie befragt nach Harriet Burdens Tod im Jahr 2004 zahlreiche Menschen aus ihrem Umfeld. Aus all diesen Aussagen, zusammen mit Tagebucheintragungen der Künstlerin, ergibt sich nach und nach deren Lebensgeschichte.

Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien, schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein Paar Eier ausmachen kann. Leseprobe

Am Anfang befürchtet man, es könne auf ein nörglerisches feministisches Manifest hinauslaufen, und da man sich ja noch ganz außen auf der Zwiebelhaut befindet, bleibt vieles etwas kryptisch und verworren. Aber je weiter man ins Innere dieser Geschichte vorstößt, desto aufregender wird sie.

Männliche Künstler profitieren von Harriet Burdens Arbeiten

Harriet Burdens Kunst besteht aus Puppen und ihren Räumen. Manchmal beheizt sie sie. Harriet Burden war mit einem Kunsthändler verheiratet, der jedoch nie mit ihrer Kunst gehandelt hat. Nach seinem Tod beginnt sie ein gewagtes Experiment. Sie bittet drei männliche Künstler, sich als die Schöpfer ihrer Objekte auszugeben.

Schon bei der ersten Ausstellung mit dem Künstler Anton Tish erweist sich, dass die New Yorker Kunstwelt mit großer Begeisterung reagiert. Anton Tish allerdings ist anschließend in seinem Schaffen blockiert und geht mit dem durch Harriet Burden verdienten Geld auf Weltreise.

Als nächstes findet sie einen schwulen Comedy-Künstler, mit dem sie eine atemberaubende Installation mit dem Titel "Erstickungs-Räume" baut.

Der dritte Künstler, den Harriet für ihr Meisterwerk auswählt, ein gewisser Rune, wird im Nachhinein behaupten, die arme alte Dame sei verwirrt, und die Urheberschaft für sich beanspruchen.

Ein vielschichtiges Vorhaben

Durch die vielen Stimmen, die Siri Hustvedt mit großer Realitätssimulation über die Ereignisse berichten lässt, entsteht ein Kunstwerk, das den Objekten der Protagonistin ähnelt. Das "Decknamen-Projekt" erweist sich als philosophisch und psychologisch höchst vielschichtig. Unter anderem kommt der Gedanke auf, dass die Künstlerin selbst es ist, die das Rampenlicht scheut.

Wie soll man leben? In der Welt oder in einer Welt im Kopf? Außen gesehen und anerkannt werden oder sich innen verstecken und denken? Als Schauspielerin oder Einsiedlerin? Welches von beiden? Leseprobe

Diese große Frau mit dem hellen Lockenschopf, die sich selbst so einsam und von der Welt verstoßen fühlt wie Frankensteins Geschöpf in Mary Shelleys Roman, aber ihren Mitmenschen so viel Liebe, Freundschaft und echte Großzügigkeit erweist, auch wenn ihr ihre Gelehrtheit und ihr kluger Kopf manchmal dazwischen funken, verlangt uns Lesern am Ende sehr viel Respekt und Sympathie ab.

Der Titel "Die gleißende Welt" verweist auf eine vergessene Schriftstellerin des 17. Jahrhunderts - auf Margaret Cavendish -, aber Siri Hustvedts Künstlerroman ist ein bestechendes Abbild unserer komplexen Gegenwart.

Das Hörbuch mit Corinna Harfouch und vielen anderen erscheint beim Argon Verlag in Berlin.

Die gleißende Welt

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-03024-7
Preis:
22,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.04.2015 | 12:40 Uhr

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