Cover "Schicksal" von Zeruya Shalev © Piper Verlag

"Schicksal": Zeruya Shalevs sinnlicher Roman über zwei Frauen

Stand: 31.05.2021 06:00 Uhr

Zeruya Shalev hat mit ihrer Roman-Trilogie die menschliche Zweierbeziehung durchleuchtet. Die in Haifa lebende israelische Bestsellerautorin hat jetzt ein neues Buch geschrieben: "Schicksal".

von Peter Helling

Zwei Frauen. Zwei Generationen. Zwei Lebenswege und ein Schicksal.

Wo ist er jetzt? Wo sind jetzt alle? Es ist hier nun so still, als hätten sich alle heimlich aus dem Staub gemacht oder als seien sie diesen sanften Tod gestorben, und sie öffnet die Augen. Buchzitat

Atara, 49, und Rachel, beinahe doppelt so alt, sie könnten Tochter und Mutter sein. In ihren Leben spiegelt sich die Verunsicherung eines ganzen Landes. Rachel hat in ihrer Jugend in einer militanten Untergrundorganisation gegen die britischen Besatzer Palästinas gekämpft. Sie war 1948 ein Jahr lang mit Ataras Vater verheiratet, bevor der sich plötzlich von ihr trennte. Und Atara?

Zeruya Shalevs Roman "Schicksal" mit emotionaler Wucht

Die Architektin hat vor 25 Jahren ihre erste Familie verlassen, um mit dem charismatischen Wissenschaftler Alex zusammen zu leben.

Am Anfang ihres gemeinsamen Lebens hatten sie sich mit blanken Nerven aufeinander zubewegt, und nachdem sie ihre vorigen Familien aufgelöst hatten, war ihr Immunsystem als Paar so geschwächt, dass sie sich an jedem nur denkbaren Bakterium ansteckten. Buchzitat

Alex und sie haben einen erwachsenen Sohn, der Eden heißt, als wäre das Paradies eine Möglichkeit. Ständig. Nur ein paar Schritte entfernt. Und es gibt wohl wenige Orte auf der Welt, wo das Paradies so nah und gleichzeitig so weit weg scheint wie hier, in Israel. Das zeigt dieser Roman mit emotionaler Wucht. Die Ventilatoren schaufeln die heiße Luft weg, die Hitze liegt schwer auf der Landschaft.

Reise in die Vergangenheit mit unerwarteter Wendung

Nach dem Tod ihres ungeliebten Vaters will Atara Rachel kennenlernen, sie will wissen, was der Hirnforscher so an dieser Frau gefunden und weshalb er sie so abrupt und brüsk von sich gestoßen hatte. Rachel aber, verbittert und ausgebrannt, lässt Ataras Nähe erst nicht zu. Und Ataras Mann Alex, mit dem sie sich wegen jeder Kleinigkeit streitet? Er findet ihre Suche nach ihrer Herkunft übertrieben, eine romantische Flause.

Aber dann tritt eine unerwartete Wendung ein. Mit Alex stimmt etwas nicht, während sie im Auto sitzt, um zu Rachel in die Wüste zu fahren.

Sie wird Alex von unterwegs anrufen, er hat sich bestimmt schon etwas erholt, sonst hätte sie längst von ihm gehört. Er antwortet mit verschlafenem Zähneknirschen, und sie fragt: "Wie geht’s dir, Sunny, hab ich dich geweckt?" Buchzitat

Zeruya Shalev erschafft eine Atmosphäre der schlaflosen Zerbrechlichkeit

In diesem Buch schlägt das Schicksal zweimal zu: Rachels Leben wird 1948 durch einen Brief aus der Bahn geworfen, und Atara entscheidet sich nur einmal falsch. Sie fährt im Auto weiter zu Rachel, aber eigentlich müsste sie umdrehen, sofort, zu ihrer kleinen Familie nach Haifa zurück.

Zeruya Shalev erschafft eine Atmosphäre der Nervosität, der schlaflosen Zerbrechlichkeit. Wie Ataras Leben zerreißt, wie sie die Reste zusammenhält und wie sie schließlich alles verliert, das ist sinnlich und feinnervig geschrieben. Selten erlebt man eine psychische Notlage, die so organisch mit der Natur verschmilzt, wo Schakale nachts jaulen, der Blick auf Haifas Küste aber paradiesisch ist.

Roman über Trauerarbeit

An dem atmosphärisch dichten Roman überzeugt weniger die äußere Handlung. Stattdessen erzählt er, wie zwei Frauen mit ihrer Trauer fertig werden. Wie sie überleben. Shalevs bilderreiche Sprache zeigt innere Prozesse, Schocks und den körperlichen Zusammenbruch auf einer Toilette mit schonungsloser Direktheit. 

Irgendwann lässt sich Rachel, beinahe wie die Stammesmutter aus der Tora, auf Atara ein. Was besonders berührt: dass sich verschiedene Zeiten durchdringen. Als würden eine biblische Vorzeit und die Gegenwart aufeinandertreffen. Zeruya Shalev hält in ihrem bewegenden Roman kurz die Zeit an.

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Ein Bücherstapel vor einem gefüllten Bücherregal © picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst Foto: Frank Rumpenhorst

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Schicksal

von Zeruya Shalev
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-8270-1186-2
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.05.2021 | 12:40 Uhr

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