Stand: 26.09.2018 13:50 Uhr

Miteinander reden statt brüllen

Buchcover: "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" - Yuval Noah Harari © c.h.beck Verlag
Autor Harari zeigt in seinem neuen Buch, wie ähnlich wir Menschen uns sind - über alle Abgründe hinweg.

Er berät Angela Merkel und Christine Lagarde, spricht vor dem deutschen Ethik-Rat und im Silicon Valley: Yuval Noah Harari ist dank seiner beiden Bestseller "Eine kurze Geschichte der Menschheit" und "Homo Deus" einer der meistgefragten Historiker unserer Zeit. Nun ist ein neues Buch von ihm erschienen: "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert".

Die Menschheit hat Erstaunliches vollbracht

Wir haben nicht nur den Mond besucht, das menschliche Genom entschlüsselt und Atomkerne gespalten, sondern auch einige der größten Probleme der Weltbevölkerung zwar noch nicht gelöst, aber deutlich reduziert. Zum ersten Mal in der Geschichte sterben weniger Menschen an Hunger als an Übergewicht. Krankheiten sind seltener die Todesursache als hohes Alter. Und durch Gewalt kommen weniger Menschen ums Leben als durch Unfälle. Warum also, so fragt der israelische Historiker Yuval Noah Harari, sollte die Menschheit nicht auch im 21. Jahrhundert imstande sein, das Unmögliche zu schaffen?

An Krisen und Bedrohungen mangelt es nicht: der Klimawandel, der offenbar kaum noch aufzuhalten ist, die digitale Revolution, die unser Verständnis vom Menschlichen grundsätzlich infrage stellt, und nicht zuletzt die Krisen, Kriege und Konflikte weltweit. Bedrohungen, die uns alle betreffen, ob wir wollen oder nicht.

"Wenn über die Zukunft der Menschheit in unserer Abwesenheit entschieden wird, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, unsere Kinder zu ernähren und mit Kleidung zu versorgen, werden wir und sie dennoch nicht von den Folgen verschont bleiben. Das ist ausgesprochen unfair - aber wer will behaupten, die Geschichte sei fair?" Leseprobe

Es geht um genaues Hinschauen und sachliches Abwägen

Um aber tatsächlich etwas bewirken zu können, muss man zunächst verstehen, was in unserer Welt überhaupt geschieht. Welche tiefere Bedeutung liegt hinter einzelnen Ereignissen wie dem Aufstieg von Donald Trump, der Krise der liberalen Demokratie oder Terroranschlägen? Hier setzt Harari an: In 21 Kapiteln hinterfragt er grundsätzliche Phänomene unserer Zeit, wie die Bedeutung der Religion oder des Nationalstaats. Er tut dies mit dem nüchternen, distanzierten Blick des Historikers: Auch wenn die Kapitel bei ihm "Lektionen" heißen, findet sich hier kein moralischer Zeigefinger, sondern genaues Hinschauen und sachliches Abwägen - selbst bei so umstrittenen Themen wie der Einwanderung nach Europa.

"Einige Europäer fordern, Europa solle seine Pforten schließen: Verraten sie damit die multikulturellen und toleranten Ideale Europas, oder fordern sie einfach nur vernünftige Schritte, um eine Katastrophe zu verhindern? Andere verlangen, die Tore noch weiter zu öffnen: Glauben sie an die zentralen Werte Europas, oder machen sie sich schuldig, das europäische Projekt mit unmöglichen Erwartungen zu befrachten?" Leseprobe

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach in der vergangenen Woche von den Gräben in der Gesellschaft. Davon, dass man sich nur noch anbrüllen würde, anstatt miteinander zu reden. Genau deshalb braucht es ein Buch wie dieses: Harari besteht nicht auf Schwarz oder Weiß, sondern lotet die Graustufen aus. Versucht zu verstehen statt zu verurteilen. Warum gibt es die Angst vor zu viel Zuwanderung? Worauf beruht die Rückkehr zum Nationalismus?

Verblüffend einfache Erkenntnisse

Hararis Erkenntnisse sind oft verblüffend offensichtlich - nur dass man alleine nicht darauf gekommen wäre. Immer wieder zeigt er dabei, wie ähnlich wir Menschen uns sind - über alle Abgründe hinweg. Er findet: "In praktischer Hinsicht bestehen überraschend wenig Unterschiede zwischen dem schiitischen Iran, dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem jüdischen Israel. Sie alle sind bürokratische Nationalstaaten, sie alle betreiben eine mehr oder weniger kapitalistische Politik, sie alle impfen ihre Kinder gegen Polio, und sie alle setzen beim Bombenbau auf Chemiker und Physiker. Es gibt keine schiitische Bürokratie, keinen sunnitischen Kapitalismus, keine jüdische Physik."

Die Menschheit hat sich auf so viele übereinstimmende Wahrheiten geeinigt wie noch nie. Sie hat - auch in diesem Sinne - Erstaunliches erreicht. Aber nur gemeinsam kann sie auch die Bedrohungen des 21. Jahrhunderts meistern. In einem sehr persönlichen Schlusskapitel erzählt Harari, was ihm selbst die Kraft gibt, weiter daran zu glauben: Die buddhistische Lehre des Vipassana. Man muss ihm darin nicht folgen. Aber lesen sollte man ihn unbedingt.

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

von Yuval Noah Harari, aus dem Englischen übersetzt von Andreas Wirthensohn.
Seitenzahl:
459 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C. H. Beck Verlag
Bestellnummer:
978-3-406-72778-8
Preis:
24,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.09.2018 | 12:40 Uhr

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