Stand: 01.08.2018 13:28 Uhr

Das Notizbuch einer Bauhausschülerin

Wenn Martha tanzt
von Tom  Saller
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Die zwei Erzählstränge in "Wenn Martha tanzt", der aus Sicht des Urenkels und der der Bauhausschülerin, ergeben ein übergreifendes Bild der gesellschaftlichen Veränderung.

Das Jahr 2019 wird ein Bauhaus-Gedenkjahr. 1919 gründete Walter Gropius in Weimar das Staatliche Bauhaus als Kunstschule. Kunst und Handwerk wurden zusammengeführt. Bedeutende Künstler wie Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger und Johannes Itten arbeiteten dort als Lehrer. Der Psychotherapeut und Jazzmusiker Tom Saller hat über diese künstlerische Avantgarde, die das 20. Jahrhundert so sehr prägen sollte, einen Roman geschrieben und dafür eine besondere Erzählperspektive gewählt.

"Es ist merkwürdig. In wenigen Minuten werde ich Millionär sein. Vielfacher Millionär. Nicht dass jemand danach gefragt hätte - seit meiner Ankunft bei Sotheby's scheine ich unsichtbar zu sein." Leseprobe

Tom Saller zieht seine Leser gleich mit den ersten Zeilen mitten hinein in seine Geschichte.

Im Nachlass der Urgroßmutter

Thomas Wetzlaff lässt in New York ein Notizbuch aus dem Nachlass seiner Urgroßmutter versteigern. Wir schreiben das Jahr 2001. Das World Trade Center steht noch, aber im Leben des Protagonisten zeichnen sich allmählich starke Erschütterungen ab. Er ahnt nicht, was er mit dieser Versteigerung auslösen wird. Der Roman ist auf zwei Erzählstränge aufgeteilt. Der eine Strang bleibt bei Thomas in New York; der andere, umfassendere, ist Martha und ihrem Leben bis zu ihrem vermeintlichen Tod am Ende des Krieges gewidmet.

Cover: "Wenn Marta tanzt" © List Verlag

Tom Saller: "Wenn Martha tanzt"

NDR Kultur - Neue Bücher -

Tom Saller erzählt die Geschichte einer Bauhausschülerin und ihres Urenkels. Ein eindrucksvoller Roman über die gesellschaftlichen Veränderungen der 20er- und 30er-Jahre.

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Martha ist eine sehr ungewöhnliche junge Frau. Ihr Vater ist Musiker. Wolfgang, ein Freund der Familie, kümmert sich ganz besonders liebevoll um sie. Auch als es darum geht, ihr eine berufliche Zukunft zu ermöglichen:

"'Du bist auf der Suche nach einer anderen Welt. Einer Welt, die mit Tönen zu tun hat. Mit Bewegung, Formen. Du kannst Musik sehen - ein besonderes Talent. Das ist gut, aber du brauchst Orientierung und Unterstützung. Geeignete Führer.' - 'Und wo finde ich die?', fragt Martha. Wolfgang reibt sich mit der Hand übers Kinn. 'Ich fürchte, es gibt einen solchen Ort nicht.' Martha zieht die Augenbrauen hoch. 'Es gibt ihn noch nicht.' Wolfgang mustert sie eindringlich. 'Ich habe von einem Mann gelesen, der eine neuartige Schule gründen will.' - 'Wo ist dieser Mann?' - 'Im Krieg', antwortet Wolfgang, 'wie so viele Männer.' 'Du musst die Zeit überbrücken, bis er zurückkehrt.'" Leseprobe

Freigeister der 20er-Jahre

Der Mann im Krieg ist Walter Gropius. Er kehrt zurück, gründet in Weimar 1919 die Bauhaus-Kunstschule und Martha ist eine der ersten Studentinnen, die dort studieren. Mit ihrer außergewöhnlichen musikalischen Begabung findet sie einen Weg zur Bühne und wird Tänzerin. Sie lernt nicht nur Gropius kennen, sondern auch Johannes Itten, Paul Klee und Oskar Schlemmer. Sie alle fördern die junge Künstlerin und zeichnen ihr immer mal wieder Bilder und Skizzen in ein Notizbuch, eben jenes Buch, das Thomas Wetzlaff mit großem Gewinn bei Sotheby's veräußert. Aber die Zeiten in den 20er-Jahren stehen - zumindest in Weimar - nicht günstig für die Bauhäusler. Ihre Freigeisterei wird immer wieder attackiert. Es kommt vor, dass sie in aller Öffentlichkeit tätlich angegriffen werden:

"'Könnte es Zufall gewesen sein?', fragt der junge Georg Muche leise. 'Ich fürchte, nein. Das hier spricht dagegen.' Gropius hält das Blatt Papier hoch, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Es zeigt eine ungelenke Zeichnung. 'Man hat es beiden mit Tinte auf die Stirn geschmiert.'
'Verflucht', stößt Kandinsky hervor, der derzeit als Gast der Meisterrunde beiwohnt. Er malt abstrakt und wird erst nach der Fertigstellung seiner Abhandlung 'Über das Geistige in der Kunst' den Unterricht am Bauhaus aufnehmen. 'Ich kenne das Zeichen. Ich habe es bereits mehrfach gesehen. In München taucht es zunehmend an den Häuserwänden auf.' - 'Was ist es?', fragt Paul Klee, die Augen weit geöffnet. Kandinsky mustert ihn grimmig. 'Das Symbol einer neuen Partei. Sie nennen sich die Nationalsozialisten!'" Leseprobe

Von den Auswirkungen der Machtübernahme

Tom Saller schildert eindrücklich die gesellschaftlichen Veränderungen der 20er-Jahre bis zur Machtübernahme der Nazis. Wie Freundschaften zerbrechen, ein künstlerischer Lebensentwurf wieder in dörfliche Alltäglichkeit eingeebnet wird. Gekonnt lässt der Autor die beiden Erzählstränge aufeinander zulaufen und verwebt sie miteinander. Am Ende wird auch verständlich, warum ein Satz von William Faulkner dem Buch als Motto vorangestellt ist. Er lautet: "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist noch nicht einmal vergangen." Der Roman belegt einmal mehr, wie wahr dieser Gedanke ist.

"Wenn Marta tanzt" wird fürs nächste Jahr auch von NDR Kultur als Hörspiel eingerichtet und zum Bauhaus-Gedenkjahr ausgestrahlt.

Wenn Martha tanzt

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
List Verlag
Bestellnummer:
978-3-4713-5167-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.08.2018 | 12:40 Uhr

04:55
NDR Kultur

Tom Saller: "Wenn Martha tanzt"

02.08.2018 12:40 Uhr
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