Stand: 11.09.2018 12:40 Uhr

Oliver Guez zeichnet die "Spur des Bösen" nach

Das Verschwinden des Josef Mengele
von Olivier  Guez, aus dem Französischen von Nicola Denis
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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In Frankreich ist Olivier Guez' Roman ein Bestseller.

Der Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" schlug vor drei Jahren hohen Wellen. Er schaffte eine späte Öffentlichkeit für den unbeugsamen und fast in Vergessenheit geratenen Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer, dem in den 1950er- und 1960er-Jahren die Festnahme des Massenmörders Adolf Eichmann in Argentinien und die Einleitung der Auschwitzprozesse in Frankfurt zu verdanken ist. Co-Autor des aufsehenerregenden Drehbuchs war der Straßburger Journalist und Autor Olivier Guez. Genau der hat jetzt mit "Das Verschwinden des Josef Mengele" ein neues Buch vorgelegt. Als Hörbuch gelesen von niemand Geringerem als Burghart Klaußner.

Der Satz, der dieses Buch womöglich am besten erklärt, kommt spät: Auf Seite 153 von 224. Da befinden wir uns bereits in den 1960er-Jahren:

"Doktor Mengele wird zu einer Gestalt, bei deren bloßer Erwähnung einem das Blut in den Adern gefriert und die Auflagen von Büchern und Zeitschriften in die Höhe schnellen." Leseprobe

Aha, Mengele garantiert Aufmerksamkeit, verspricht also Auflage. Das hat er in der jungen Bundesrepublik getan, wo die Spekulationen über seine vermeintlich abenteuerliche Flucht fantastische Blüten trieben. Und das tut er offenbar bis heute, wenn ein eher nüchternes Buch wie das von Olivier Guez in Frankreich zum Bestseller avancieren kann und mit dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichnet wird. Mengele geht immer:

"… der Prototyp des kalten und sadistischen Nazis, ein Monster." Leseprobe

Mengeles Flucht auf der "Rattenlinie"

Was der junge, karrieristische Arzt aus dem schwäbischen Günzburg zwischen April 1943 und Januar 1945 im Konzentrationslager Auschwitz anstellte, trotzt jeder Beschreibung. Auch Guez enthält sich dieses Versuchs. Ihm geht es um das Danach, das "Verschwinden des Josef Mengele" in den Jahren '45 und folgende. Ausführlich breitet er dazu aus, wie es dem Massenmörder gelingen konnte, mithilfe anderer Altnazis auf der sogenannten Rattenlinie nach Südamerika zu fliehen, unter dem Pseudonym "Helmut Gregor" erst im Argentinien der Nazi-Verehrer Juan und Evita Perón unterzutauchen, dann in Paraguay und Brasilien, gedeckt von Unterstützern aus Deutschland und Österreich, in Südamerika unter anderem aufgefangen von Nazi-Netzwerken wie dem der nationalsozialistischen Zeitschrift "Der Weg". Das alles ist nicht uninteressant, aber auch nicht neu, und Guez gerät es arg protokollarisch. Akribisch listet er jeden Schritt der Flucht auf, jede Adresse, jede Hausnummer. Jeden Job, jede Hilfe, jedes Treffen.

"Als Gregor am nächsten Tag von der Baustelle kommt, geht er zum Dürer-Verlag, Avenida Sarmiento 542, und macht die Bekanntschaft von Eberhard Fritsch, Verlagsgründer und Herausgeber von: Der Weg." Leseprobe

Ein Roman ohne neue Erkenntnisse

So weit, so wahr. Aber was ist daran die neue Erkenntnis? Oder was daran ein "Roman" - wie Guez das Buch bezeichnet? Die Chance, der Figur Mengele fiktiv hinter die Stirn zu schauen, lässt Guez ungenutzt verstreichen. Stattdessen erläutert er - was in Frankreich vielleicht weniger bekannt ist, hierzulande aber spätestens seit den Auschwitzprozessen und den 68ern ausführlich diskutiert wird - welche Kontinuitäten es von Nazideutschland in die Bundesrepublik gab.

"Die BRD verurteilt den Nationalsozialismus, reintegriert aber seine Führungskräfte und Handlanger, sie entschädigt die Juden, lässt aber ihre Mörder in Südamerika oder im Mittleren Osten ihren Geschäften nachgehen. Anerkennung des 'Rechts auf den politischen Irrtum', Amnestie für die 'Opfer der Entnazifizierung', nationaler Zusammenhalt, Generalamnestie ..." Leseprobe

Vielleicht gehört die Geschichte Josef Mengeles zu denen, die gar nicht oft genug erzählt werden können, damit das Grauen nicht in Vergessenheit gerät. Dann ist das eher spröde Buch von Guez verdienstvoll. Wirklich erhellend ist es aber nicht.

Das Verschwinden des Josef Mengele

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau Verlag
Bestellnummer:
978-3-351-03728-4
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

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