Stand: 10.10.2018 13:26 Uhr

Freiheitssuche in einer märchenhaften Welt

Bruder und Schwester Lenobel
von Michael Köhlmeier
Vorgestellt von Alexander Solloch

Allesamt interessante und lesenswerte Bücher sind für den Deutschen Buchpreis nominiert gewesen, und ein interessantes und lesenswertes hat ihn auch bekommen. Dass der neue Roman von Michael Köhlmeier dabei überhaupt keine Rolle spielte, nicht einmal im weiteren Kreis der Kandidaten stand - das hat dann doch viele erstaunt im Literaturbetrieb.

Ein Roman von existenzieller Wucht

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Michael Köhlmeier, 1949 in Hard am Bodensee geboren, lebt in Hohenems/Vorarlberg und Wien.

Köhlmeier ist seit Langem schon bekannt als ein großartiger Geschichtenerzähler, ein unnachahmlicher Nacherzähler von Sagen, Mythen und Märchen, und mit vielen eigenen Romanen ist er auch hervorgetreten ("Abendland", "Die Abenteuer des Joel Spazierer", "Zwei Herren am Strand", um nur einige wenige zu nennen). "Bruder und Schwester Lenobel" heißt sein neues Werk - vielleicht zu gut für den Deutschen Buchpreis.

Hier ist ein Roman von existenzieller Wucht zu feiern, ein Roman, der alles, was zu sagen wäre über den in die Welt geworfenen Menschen, in eine große Erzählung packt. Die auf einen Nenner zu bringen - ein Resümee, eine Inhaltswiedergabe - ist unmöglich.

Permanente Anfechtungen

Versuchen wir es ungefähr so: Wo er geht und steht, ist der Mensch heftig angefochten: im Verhältnis zu seinen Eltern, im täglichen Aufeinanderprall mit dem Partner, schon allein auch beim Gang zum Bäcker. Die Frage ist nun, welche Macht er den Anfechtungen gibt, ob sie ihn dominieren, ob er sie domestiziert.

"Seit zwanzig Minuten war sie nun auf der Straße. Hanna würde nicht mehr anrufen und sich entschuldigen und sie bitten zurückzukommen. Ich werde, dachte sie, diese Frau in meinem Leben nicht mehr wiedersehen. Und da wurde ihr eng ums Herz, als wäre ihr der Gedanke vom Allwissenden persönlich eingegeben worden, und es läge an ihr, ihn zu interpretieren, was bei dem Gefälle zwischen Schenker und Beschenkter zu einer für die Beschenkte ungünstigen Interpretation führen musste. Also wird dieser Gedanke besagen, dass ich - ich - nicht mehr lange zu leben habe (ein Paranoiker rast über den Gehsteig; vom Dach der Universität fällt Stuckatur; ein Gotteskrieger schießt um sich; die Sense mäht aus Versehen). Aber grad jetzt wäre zu sterben sehr ungünstig - zu viel Angefangenes, zu viel Nicht-Durchdachtes." Leseprobe

Jetti, Anfang 50, lebt und arbeitet seit Langem schon in Dublin. Was führt sie also nach Wien, auf die Straße, wo sie ratlos in die Zukunft blickt? Ihr Bruder ist plötzlich verschwunden, ihre Schwägerin Hanna hat sie panisch alarmiert. Als Jetti dann aber da ist, tut Hanna, als sei eigentlich nichts. Mit dieser Frau ist es nicht auszuhalten, für Jetti nicht, für ihren Bruder, wie sie weiß, eigentlich auch nicht. Aber wo steckt er? Lebt wohl wieder seinen Hang zum Exzentrischen aus, war doch schon früher so: Jetti, das Kind, obwohl sechs Jahre jünger als der Bruder, kümmert sich im Angesicht der schwer kranken Mutter um alles, hält den Laden zusammen, schafft das Geld heran, auf sich selbst gestellt, aber darum auch frei.

Veranstaltungen

Michael Köhlmeier beim Göttinger Literaturherbst

12.10.2018 21:00 Uhr
Altes Rathaus

In seinem neuen Roman "Bruder und Schwester Lenobel" erzählt Michael Köhlmeier von einer ungewöhnlichen jüdischen Familie in Wien, in der immer mit allem zu rechnen ist. mehr

Alles dreht sich um das allein gelassene Kind

"Ich habe das Pendant dazu in der Literatur in der Figur des Huckleberry Finn gefunden, der von allen verlassen ist, von allen allein gelassen ist und dennoch ein unglaublich selbstbestimmtes Leben führen kann", erklärt der Autor. "Diese Faszination hat mich nie losgelassen, und in Wirklichkeit würde ich immer wieder nur diese Geschichte schreiben wollen. Ich sehe auch in anderen literarischen Figuren immer dieses Kind, das allein gelassen ist. Das ist der Kern, um den all meine Literatur kreist."

Michael Köhlmeier erzählt eine Geschichte von heute, von der Suche des Einzelnen nach dem Kern seines Lebens, nach Freiheit, Unabhängigkeit - und greift dabei zurück auf Kraft und Magie der alten Märchen, in denen der Mensch, konfrontiert mit den Grausamkeiten der Natur und seiner eigenen Gattung, um Selbstbehauptung ringt.

"Da stand aber auch schon die Mutter in der Tür, und in der Hand hielt sie das Schlachtmesser, und sie schrie:
Braten will der Mann, / wen er fressen kann, / Kind mit heller Soß. / Not ist groß, ist groß!
Die Kinder rannten, und die Mutter rannte hinter ihnen her. Über die Felder ging’s, über Hag und Bach, unter Büschen hindurch und über Felsen hinauf. Da rief Pulia: "Wirf den Hut in die Höhe, Bruder!" Das tat Astor, da prasselte der Regen nieder und schwemmte die Mutter samt dem Schlachtmesser den Abhang hinunter." Leseprobe

Michael Köhlmeier hat einen großen Roman geschrieben, einen sehr langen auch, einen Roman wie einen epischen Song, in dem die Wörter so rhythmisch tanzen und die Sätze so melodisch klingen, dass man auf keine Strophe verzichten mag; wie einen dieser wenigen Songs, die, wenn sie auch schon verklungen sind, lange, sehr lange noch nachhallen.

Bruder und Schwester Lenobel

von
Seitenzahl:
544 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-25992-8
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

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Michael Köhlmeier: "Bruder und Schwester Lenobel"

11.10.2018 12:40 Uhr
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Michael Köhlmeier hat einen Roman geschrieben wie einen epischen Song, in dem die Wörter rhythmisch tanzen und die Sätze melodisch klingen. Audio (04:56 min)

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