Stand: 10.09.2018 10:39 Uhr

Eine Stadt in unruhigen Zeiten

Nachtleuchten
von María Cecilia Barbetta
Vorgestellt von Jan Ehlert
Bild vergrößern
Maria Cecilia Barbettas zweiter Roman ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018.

Am 11. September ist es soweit, dann wird sie bekanntgegeben, die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018 - und die Liste der nominierten Romane schrumpft von 20 auf nur noch sechs. Vielleicht, vielleicht ist dann ja auch "Nachtleuchten" von Maria-Cecilia Barbetta dabei: Das Buch steht auf der Longlist - und erste Auszüge daraus wurden bereits mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet.

Maria Cecilia Barbetta im Profil.

Maria Cecilia Barbetta: "Nachtleuchten"

Kulturjournal -

Maria Cecilia Barbetta erkundet in ihrem Roman das Städtchen am Rand von Buenos Aires namens Ballester. Ihre Helden sind Friseure, Wäschereibesitzer - oder Automechaniker.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Ihr erster Roman war ein Farbenrausch: Seitenlang zählte Maria-Cecilia Barbetta in "Änderungsschneiderei Los Milagros" unterschiedliche Farbtöne auf. Von "nacktschneckenschwarz" bis "Altrosa" und "Fuchsia". Und diese Freude an den Farben findet sich auch in ihrem neuen Roman wieder: Die Blüte eines Ceibo-Baumes ist nicht nur rot, sie ist

"...eine einzige faulige Melange aus Blutorange, Nelkenrot, Lippenstiftrot, Erdbeerrot, Merinorot, Rosenrot, Karminrot, Nagellackrot, Brillantrot, Mohnrot, Kirschrot, Blutrot, Glutrot, Paprikarot, Hennarot, Leinrot, Saturnrot, Scharlachrot, Gelbrot, Tomatenrot, Sonnenuntergangrot, Tizianrot, Safranrot, Purpurrot, Grenadierrot, Granatrot, Zinnoberrot, Falunrot, Rubinrot, Orientrot, Drachenblutrot, Bläulichrot..." Leseprobe

Barbettas Liebe zur deutschen Sprache

Dieser besondere Blick auf die Sprache, die Lust am Entdecken neuer Ausdrücke, das ist es, was die Sprache der 1972 in Buenos Aires geborenen und 1996 nach Berlin eingewanderten Schriftstellerin auszeichnet. So finden sich in "Nachtleuchten" wunderschöne Wortspiele, wie die Umkehr der Forderung "Ausfahrt freihalten" in "Freiheit aushalten". Oder ein Pensionsschild, das durch den Verlust eines großen Z nun "immer frei" ist. Dass sie keine Muttersprachlerin ist, sondern Deutsch erst in der Schule lernte, sieht Barbetta dabei als großen Vorteil.

María Cecilia Barbetta: "Es kann sein, dass man dann einen etwas anderen Blick hat. Vielleicht auch ein bisschen einen Blick wie von einem Kind, weil ich freue mich, ich freue mich über diese Sprache und ich freue mich über Wörter und ich finde Wörter schön."

Ungewöhnliche Formulierungen passen nicht immer

Doch während ihr erster Roman mit Leichtigkeit von der Liebe erzählte, geht es in "Nachtleuchten" um sehr viel ernstere Themen: Das Buch spielt in Argentinien im Jahr 1974. Der gestürzte Präsident Juan Perón hat wieder die Macht übernommen.

Doch die Lage ist alles andere als stabil. Mordkommandos ziehen durch das Land, und im Stadtteil Ballester, dem Hauptort der Handlung, in dem auch die Autorin selbst aufwuchs, treibt ein Triebtäter sein Unwesen. Und hier wird Barbettas Liebe zu ungewöhnlichen Formulierungen zum Problem. Als ein Vater seine Tochter auffordert, den Täter zu identifizieren, schreibt sie, ganz ohne ironische Brechung:

"Lass uns kostbare Zeit nicht verplempern, Ariadna. Ein Nicken von dir, und wir können diesen Albtraum ad acta legen. Ist er der Tunichtgut, der dir Ungebührendes aufgenötigt hat?" Leseprobe

Das eigentliche Thema gerät in den Hintergrund

Das wirkt gedrechselt und beinahe unfreiwillig komisch, genauso wie die Bezeichnungen der Schülerinnen einer Klosterschule mit so altmodischen Begriffen wie "junges Gemüse" und "Grünschnäbel". Die beste Freundin ist eine "Konfidentin", man hat keine Vorahnungen, sondern "auguriert", und den Figuren fallen nicht nur "Steine vom Herzen", sondern sie sind im gleichen Satz "mit ihrem Latein am Ende und mit sich im Reinen". Durch den bemühten Versuch, sie besonders zu machen, wirkt die Sprache überfrachtet. Die Geschehnisse in Argentinien geraten in den Hintergrund und werden holzschnittartig durch Dialoge in die Handlung eingebaut.

"Der Interessenkonflikt zwischen Kirche und Staat hat den verheerenden Militärputsch begünstigt, und von da an hat eine Eskalation die nächste ausgelöst." Don Julio spreizte einen Finger nach dem anderen ab. "Das Massaker von José León Suárez war ein Abschreckungsmanöver gegenüber den Sympathisanten des Generals Perón und seiner Gattin. Es folgte der bewaffnete Widerstand im Geiste Evitas."

Hervorzuheben sind dagegen die wunderbar liebenswerten Figuren: Die junge Tereza, die mit einer Wandermadonna die Welt retten will oder der Pensionsbesitzer Nasif, dessen Aussehen bei kleinen Kindern für bleibende Traumata sorgt. Sie begleitet man gern durch die chaotischen Jahre vor dem argentinischen Militärputsch. Doch das allein sollte nicht reichen, um auf die Shortlist zu kommen.

Nachtleuchten

von
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3-10-397289-4
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.09.2018 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

01:47
NDR//Aktuell
03:27
NDR Kultur