Stand: 09.08.2018 16:24 Uhr

"Asymmetrie": Roman über Machtgefälle

Asymmetrie
von Lisa  Halliday, aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs
Vorgestellt von Marie Schoeß
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Die Autorin hatte, genau wie ihre Protagonistin, eine Beziehung zu einem sehr viel älteren Schriftsteller, zu Philip Roth.

Es ist ein altbekannter Romanstoff: Der betagte Schriftsteller, gern auch Literaturprofessor, begegnet einer jungen Frau, und - Altersunterschied hin oder her - sie beginnen eine Affäre. Meist wurde dieser Stoff von alternden Schriftstellern behandelt - J. M. Coetzee erzählte beispielsweise davon, Martin Walser auch, genauso: Philip Roth.

Roth begann in seinen letzten Jahren zudem selbst so eine Affäre - mit Lisa Halliday, die in diesem Frühjahr ihren Debütroman herausbrachte und darin von der Beziehung zwischen einem alten Schriftsteller und einer jungen Lektoratsassistentin erzählt.

Voyeuristischer Blick auf Philip Roths Privatleben?

Auch wegen des autobiografischen Inhalts wurde der Roman äußerst gespannt erwartet. "Asymmetrie" ist nun in der deutschen Übersetzung erschienen und weit mehr als ein voyeuristischer Blick auf die Affäre mit Philip Roth.

Eine Melodie aus seiner Jugend, aus der Zeit, als er durch Pariser Bars zog, die Abende mit einer reizenden Ballerina verbrachte, kurz: lebte statt zu grübeln. All das ist jedoch Geschichte, als Ezra sich eines Tages wieder einmal im Werben übt. Wie sie heiße, fragt er eine unbekannte Frau, und welches Buch sie da lese. Ein klassischer Annäherungsversuch, nur ist aus Ezra ein Herr mit zinngrauen Locken geworden. An Abenteuer in Bars ist nicht mehr zu denken, Tabletten sorgen nun für geruhsame Nächte. Alice hingegen ist 25 - gesund, lebendig und voller Bewunderung für ihr berühmtes Gegenüber:

"Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander; der Mann aß sein Eis, und Alice tat, als wäre sie in ihr Buch vertieft. … Alice wusste, wer er war - sie hatte es von dem Moment an gewusst, als er sich zu ihr gesetzt hatte und ihre Wangen wassermelonenrot geworden waren -, aber vor Erstaunen konnte sie nur wie ein fleißiger Gartenzwerg in das undurchdringliche Buch starren, das offen in ihrem Schoß lag." Leseprobe

Ezra ist Schriftsteller und teilt auch sonst einige Details mit Philip Roth, den Lisa Halliday als Literaturagentin kennenlernte: Rückenprobleme beispielsweise, eine Leidenschaft für Baseball, ebenso: etliche Preise und einen ausstehenden Nobelpreis.

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Von einer klassischen Konstellation

Doch das Spiel mit der Biografie dient Halliday nur als Ausgangspunkt, um die titelgebende "Asymmetrie" zu erkunden. Alice emanzipiert sich zunehmend in dieser Beziehung, in der sie ihre Rollen zunächst nach Belieben des Mannes wechselte: Geliebte, Krankenschwester, Zuhörerin. Gleichzeitig versucht sie, selbst zur Autorin zu werden, sich Themen zu eigen zu machen, die ihr nicht selbstverständlich zustehen:   

"'Schreibst du hierüber? Über uns?' - 'Nein. Wirklich nicht.' Alice schüttelte hoffnungslos den Kopf. 'Das ist unmöglich.' Er nickte. 'Worüber schreibst du dann?' - 'Über andere Menschen. Menschen, die interessanter sind als ich.'" Leseprobe

Unterschiedliche Geschichten der gleichen Sache

Auch wenn Ezra ihr von einem politischen Roman abrät, kommt Alice von einem Gedanken nicht mehr los: Ob sie, ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts, sich in einen muslimischen Mann hineinversetzen und über ihn schreiben könnte? Die Antwort gibt Lisa Halliday, selbst aus Massachusetts, im zweiten Teil des Romans: Eine ganz andere Geschichte beginnt plötzlich, fernab vom Erfahrungsschatz der Autorin, aber nicht weniger gewandt erzählt.

Einem Doktoranden mit amerikanischem und irakischem Pass wird am Londoner Flughafen die Einreise verweigert. Die Motive seiner Reise seien nicht plausibel, so die bürokratische Begründung.

"Sie dürfen nur heute nicht einreisen. Wenn Sie in Zukunft einen anderen Zollbeamten davon überzeugen können, dass Sie an einem anderen Tag für die Einreise qualifiziert sind, wird Ihr Fall unter Sachgesichtspunkten neu beurteilt. Es ist hierdurch nicht automatisch ausgeschlossen, dass Sie zu einem späteren Zeitpunkt ins Vereinigte Königreich einreisen dürfen." Leseprobe

Halliday vertraut auf einige wenige verbindende Motive zwischen den Erzählsträngen, anstatt sie zwanghaft zusammenzukitten - vor allem ist es die asymmetrische Beziehung, die das Liebesverhältnis und die Verhörsituation gleichermaßen prägt. Zum Thema Asymmetrie gehört aber auch das ungleiche Interesse an den Teilen des Romans: Sicher hat die mit viel Wortwitz und inhaltlicher Schärfe beschriebene Szene am Flughafen aktuell eine enorme Brisanz. Nur ebenso sicher sorgt die Liebesaffäre mit autobiografischen Zügen viel eher für Aufmerksamkeit beim Publikum. Diese Schieflagen - in der Gesellschaft, auch der lesenden Gesellschaft -, deckt Halliday über die Konstruktion ihres Romans auf, und schon dafür lohnt sich die Lektüre dieses Debüts.  

Asymmetrie

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Carl Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3- 4462-6001-6
Preis:
23,00 €

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