Stand: 23.08.2018 16:00 Uhr

Nur wer Vergangenes kennt, versteht die Gegenwart

Archipel
von Inger-Maria Mahlke
Vorgestellt von Katja Weise
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Inger-Maria Mahlkes vierter Roman empfiehlt sich für den Deutschen Buchpreis.

Thematisch überrascht Inger-Maria Mahlke immer wieder: Nach zwei Berlin-Romanen machte die 1977 in Hamburg geborene, in Lübeck aufgewachsene Autorin einen Ausflug in die Tudor-Zeit und landete 2015 mit "Wie ihr wollt" prompt auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. In dieser Woche ist ihr vierter Roman erschienen, auch er empfiehlt sich für den Deutschen Buchpreis: Die Kritiker setzten "Archipel" auf die Longlist. Wieder zieht Mahlke ihre Leser in neue Welten.

Inger-Maria Mahlke

Deutscher Buchpreis für "Archipel" von Inger-Maria Mahlke

Kulturjournal -

Teneriffa ist Sehnsuchtsort und Mikrokosmos im Roman von Inger-Maria Mahlke. Ihr Roman ist ein Sittengemälde dreier Familien vom Großbürgertum bis zur Dienerschaft.

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Rückwärts durch die Europäische Geschichte

"Archipel" ist ein ganz erstaunlicher Roman. Nicht nur, weil er auf Teneriffa spielt und aus einer ungewöhnlichen Perspektive, quasi vom Rand her, spanische und damit auch europäische Geschichte erzählt  - General Franco startete 1936 von hier seinen Putsch gegen die Republik. Sondern vor allem, weil Inger-Maria Mahlke sich für eine ungewöhnliche Chronologie entschieden hat: Sie beginnt ihre Geschichte im Jahr  2015 und geht dann in Etappen zurück bis ins Jahr 1919. So lernen wir zunächst Ana, Felipe und ihre Tochter Rosa kennen, später dann deren Vorfahren. Rosa ist gerade aus Madrid auf die Insel zurückgekehrt, weil sie mit dem Kunststudium hadert, und hängt jetzt nur noch ab:

"Vierzehneinhalb Staffeln mit 23 Folgen (..).Rosa rechnet es auf dem Handy aus, während sie auf der Toilette sitzt. Etwas mehr als 250 Stunden "Survivor" hat sie geguckt, seit sie wieder zu Hause ist. Unironisch. 23 Staffeln gibt es insgesamt. 146,625 Stunden hat sie noch vor sich, die Zahl ist irgendwie beruhigend." Leseprobe

Das Scheitern gehört zur Familiengeschichte

Viele der Charaktere, die im Laufe dieser breit angelegten Familiengeschichte auftauchen, sind Gescheiterte und/oder verharren in einer diffusen Wartehaltung. Rosas Vater Felipe wollte als Wissenschaftler über "Bürgerkrieg und Repression auf den Kanarischen Inseln" forschen, stattdessen geht er nur noch regelmäßig zum Trinken in den Club. Die Ehe mit Ana ist zerrüttet, die Politikerin ist in einen Korruptionsskandal verwickelt.

"Die Kamerateams vor ihrer Haustür sind (.) deutlich weniger geworden, Felipe und Rosa lassen sie weitgehend unbehelligt vorbei. Im Regionalfernsehen sind sie heute erstmals die Nummer 2 nach den Algen, die sich, genauso wie vor den Stränden der Insel, immer weiter in den Nachrichten ausbreiten." Leseprobe

Liebe und Aufbegehren, Trauer und Tod

Immer tiefer steigt Inger-Maria Mahlke in die Geschichte ein, erzählt von der jungen Ana, ihren Eltern, von Felipes Familie, von Liebe und Aufbegehren, Trauer und Tod. Eng ist das alles mit der politischen und touristischen Entwicklung Teneriffas verknüpft, und so wird doppelt deutlich: Die Gegenwart versteht oft nur, wer die Vergangenheit kennt. Dabei strebt die Autorin keineswegs Vollständigkeit an. Sie lässt bewusst Lücken und lose Enden und verzichtet auf einen "WasSieunbedingtwissensollten"-Crashkurs in kanarischer Geschichte. Sie findet beispielhafte Momente. So durfte Felipes Mutter als kleines Mädchen General Franco Blumen überreichen:

"Die untere Gesichtshälfte des Mannes mit der Sonnenbrille lächelt, als Francisca knickst, lächelt, als sie ihm die Blumen reicht, helle Handschuhe über den Fingern, die er um die zusammengebundenen Stiele legt, lächelt, als sie "Bienvenido" sagt (..). Ihre Stimme klingt so leise, dass sie sich selbst kaum hört." Leseprobe

Sperrig ist diese Erzähltechnik manchmal - immer wieder gilt es, sich neu zurechtzufinden -, aber gleichzeitig ungemein reizvoll, zumal, wenn sie so souverän angewandt wird wie in diesem Roman. Inger-Maria Mahlke schreibt kein Wort zu viel, fast spröde ist ihr Stil, doch liegt gerade in den so präzise heraufbeschworenen Bildern - Poesie. "Archipel" ist ein eigensinniger, hintersinniger Roman über die Zukunft, die hier fast immer schon vergangen ist.

Archipel

von
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt Verlag
Bestellnummer:
978-3-498-04224-0
Preis:
20,00 €

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