Stand: 13.09.2018 16:29 Uhr

Wiederkehrende Frage nach Schuld und Sühne

Text
von Dmitry  Glukhovsky, aus dem Russischen von Franziska Zwerg
Vorgestellt von Natascha Freundel

Dmitry Glukhovsky ist ein Multitalent. Er wurde 1979 in Moskau geboren, studierte in Jerusalem Journalismus und internationale Beziehungen, arbeitete beim Fernsehen in Frankreich, Russland und Deutschland, spricht sechs Sprachen und wusste schon früh, dass er Bücher schreiben möchte. Seine Science-Fiction-Romantrilogie "Metro" über das Leben im Moskauer Untergrundsystem nach einem Atomschlag wurde ein internationaler Bestseller und ein Videospiel. Glukhovskys nun schon siebenter Roman heißt schlichtweg "Text" und ist jetzt in der deutschen Übersetzung im Europa-Verlag erschienen.

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Dmitry Glukhovskys Roman "Text" ist bereits sein siebtes Buch. Es liest sich wie ein Krimi, in dem es um Moral und Amoral geht.

Dmitry Glukhovsky hat die Science-Fiction hinter sich gelassen. Das reale Russland, sagt er, sei absurder und surrealer als jede Fiktion. Sein Held, Ilja, kehrt nach sieben Jahren Lagerhaft in das Moskau von heute zurück. Er erkennt es kaum wieder, sieht "überall Bullen", die ihn sofort kontrollieren. Er ist 27 Jahre alt, graugesichtig, und er stinkt nach Straflager.

"Eingepfercht meint man - nur draußen ist alles echt. Kommt man raus - ist es Fälschung. Das Leben im Lager ist übel, aber es gibt nichts Echteres." Leseprobe

Zwei typische Figuren der russischen Gegenwart

Wie Joseph K. in Kafkas "Prozess" war Ilja eines Tages verhaftet worden, ohne dass er etwas Böses getan hätte. Er hatte nur in der Disco seine Freundin gegen einen übergriffigen Macho von der Drogenpolizei schützen wollen, worauf der ihm ein Kokaintütchen untergeschoben hatte. So setzt Glukhovsky zwei, wie er sagt, typische Figuren der russischen Gegenwart in Szene: Ilja ist der hilflose Philologieabsolvent aus einem Moskauer Vorort, Petja der skrupellose Drogenfahnder aus einer Familie mit besten Beziehungen ins Innenministerium.

"Für mich das Hauptthema dieses Buches die Abstammung zwei Kasten im zeitgenössischen Russland. Es ist vielleicht nicht ganz neu für uns, aber wir haben zwei Kasten", erklärt Glukhovsky. "Die Leute, die dem System gehören und diesem System dienen. Sie haben alle Rechte garantiert, sie regieren, sie sind eigentlich unberührbar. Auf der anderen Seite gibt es die einfachen Leute, die Mehrheit in Russland. Ihnen sind keine Rechte garantiert."

Nichts ist mehr, wie es war

Glukhovsky erspart seinem Helden nichts: Kurz bevor Ilja zurück nach Hause kommt, stirbt der einzige Mensch, der all die Lagerjahre auf ihn gewartet hat: seine Mutter. Der Topf mit Kohlsuppe steht noch auf dem Herd, als Ilja die ausgeraubte Wohnung betritt. Er hat keine Zukunft, aber eine Rechnung offen, mit dem Drogenpolizisten.

"Irgendwie hatte er alles richtig gemacht, und trotzdem ging's Richtung Hölle. Auf der Erde ist das Leben so eingerichtet, dass alle Menschen unbedingt in die Hölle kommen. Besonders in Russland." Leseprobe

Noch in der ersten Nacht in der Freiheit, wodkatrunken, findet Ilja seinen Widersacher, ersticht ihn und nimmt ihm das iPhone ab. Er wirft sein Opfer in die Kanalisation, das Handy aber kann er nicht wegwerfen. Gekonnt erzeugt Glukhovsky Spannung aus der Science-Fiction, die längst Teil unseres Lebens ist: Ilja entdeckt die digitalen Spuren Petjas in dessen Handy, hört und sieht ihn beim Sex, beim Drogendealen, liest die Nachrichten der Freundin, der Eltern und er antwortet anstelle des Toten.

"Diese Transformation ist das Wichtigste, das in diesem Buch passiert", sagt Glukhovsky. "Dass eine Person durch diese Kommunikation, durch Messages, durchs Studieren von Videos, zu einer Person wird, die er sonst niemals hätte sein können. Dadurch entwickelt er Verständnis und Mitgefühl für die Person, die er umgebracht hat."

Der eine führt das Leben des anderen zu Ende

Petja, der Drogenfahnder, war in Wahrheit Teil einer Drogenmafia und ein charakterloser Diener eines zynischen Machtapparats. Seine schwangere Freundin hat er allein gelassen. Ilja wird ihm ein Gewissen geben und so auch das Kind retten - allein durch Textnachrichten im iPhone. Das wirkt mitunter sehr konstruiert, und doch liest sich dieses Buch wie ein Krimi, in dem es letztendlich um Moral und Amoral geht. Um die Frage, ob das Recht des Stärkeren als Lebensmodell taugt, in Russland und anderswo.

Text

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Europa Verlag
Bestellnummer:
978-3-95890-197-1
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.09.2018 | 12:40 Uhr

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