Stand: 16.08.2018 12:40 Uhr

Wenn Frauen nur 100 Wörter am Tag sprechen dürfen

Vox
von Christina  Dalcher, aus dem Amerikanischen von Marion Balkenhol und Susanne Aeckerle
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Der Debütroman "Vox" von Christina Dalcher ist ein Warnruf gegen eine Politik der Geschlechtertrennung.

"Der Roman, den jede Frau lesen muss" - damit wirbt der S.Fischer-Verlag für "Vox", den Debütroman von Christina Dalcher. Das Buch, so sagt es Dalcher selbst, soll ein Warnruf sein gegen eine Politik der Geschlechtertrennung - und zwar nicht in arabischen Staaten, sondern in ihrem eigenen, den USA. Aber es ist nicht nur ein Roman für Frauen.

100 Wörter. Nicht mehr. Das reicht gerade einmal, um die Hälfte des Erlkönigs aufzusagen oder anderthalb Vaterunser. An richtige Kommunikation ist da nicht zu denken. Und trotzdem: In der Welt, in der Jean McClellan und ihre Familie leben, haben Frauen nur das Recht auf 100 Wörter am Tag. Kein einziges mehr.

"Patrick sieht zu, wie das Zählwerk drei Einheiten weiterklickt. Ich spüre jeden einzelnen Klick am Puls wie einen unheilvollen Trommelschlag. Die Jungs wechseln besorgte Blicke, weil sie genau wissen, was passiert, wenn das Zählwerk eine bestimmte Einheit übersteigt. Eins, null, null. Daher spreche ich jetzt mein letztes Wort für den Montag. An meine Tochter gewandt. Das geflüsterte 'Gutnacht' ist kaum heraus, als mich Patricks flehender Blick erreicht." Leseprobe

Stromschläge ab dem 101. Wort

Denn beim 101. Wort löst der Zähler an Jeans Handgelenk einen Stromschlag aus, der mit jedem weiteren Wort stärker wird. Vor etwa einem Jahr - so die Grundidee des Romans - wurden diese Metallarmbänder für alle Frauen und Mädchen in den USA eingeführt. Davor war Jean McClellan eine angesehene Ärztin, eine Koryphäe auf ihrem Gebiet, der Hirnforschung.

Doch nun hat sie nicht nur ihre Sprache verloren, sondern auch ihre Arbeit. Ihre Rolle ist die der Hausfrau und Mutter. Nicht, weil ihr Mann es so wollte - im Gegenteil: Der gutmütige Patrick leidet genauso darunter wie sie. Nein, der Befehl kam von ganz oben: Vom neu gewählten Präsidenten und seinem geistlichen Berater, einem Fernsehprediger. Männer, vor denen Jeans Freundin Jackie, eine Bürgerrechtsaktivistin, sie schon früh gewarnt hatte - vergebens.

"Konservative Männer, die ihren Gott und ihr Land lieben." Sie seufzte. "Frauen nicht so sehr." "Das ist doch lächerlich", erwiderte ich. "Sie hassen Frauen nicht". "Was glaubst du, wer momentan am wütendsten ist? In unserem Land, meine ich." Ich zuckte mit den Schultern. "Afroamerikaner?" "Nein, Du Dussel. Der heterosexuelle weiße Mann. Er ist stinkwütend. Er fühlt sich entmannt. Eine Meute machthungriger kleiner Jungs, die es satthaben, dauernd ermahnt zu werden, einfühlsamer zu sein." Leseprobe

Auf unheimliche Weise aktuell

Das klingt leider nur zu realistisch, man denkt sofort an die #MeToo-Debatte und die frauenverachtenden Äußerungen des amtierenden US-Präsidenten. Doch dies ist kein einfacher Anti-Trump-Roman. Er geht tiefer. Der Präsident twittert nicht, flucht nicht, sondern verfolgt kalt und berechnend sein Ziel, das in seinem Größenwahn jeden James-Bond-Film in den Schatten stellt. Hier trägt Dalcher doch etwas dick auf.

Aber hätten wir das nicht auch über einen Roman gesagt, der vor zehn Jahren die USA von heute beschrieben hätte? Dalchers Roman bleibt daher trotzdem auf eine unheimliche Weise aktuell. Weil er zeigt, wie schnell sich das, was wir für sicher halten, ändern kann. Wie schnell sich auch eine Demokratie in ein Land der Unterdrückung und Überwachung verändern kann - wenn niemand seine Stimme erhebt. Und damit sind ganz sicher nicht nur Frauen gemeint.

"Ich lernte, wie leicht es für den Mann im Papierwarenladen ist, zu mir zu sagen: 'Tut mir leid, Madam. Ich kann Ihnen das nicht verkaufen.' Ich lernte, wie schnell ein Handyvertrag annulliert werden kann und wie effizient junge Soldaten beim Anbringen von Kameras sind. Ich lernte, sobald ein Plan vorhanden ist, kann alles über Nacht passieren." Leseprobe

Vox

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3- 1039-7407-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.08.2018 | 12:40 Uhr

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