Stand: 23.07.2018 17:50 Uhr

Geburt und Erziehung "outgesourct"

Das Weiße Schloss
von Christian  Dittloff
Vorgestellt von Annkathrin Bornholdt
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Kinderwunsch vs. Freiheit? In Christian Dittlofs Roman geht beides.

Wie wird die Gesellschaft der Zukunft aussehen? Wie werden Menschen leben, lieben und sich fortpflanzen? Schriftsteller aller Zeiten haben sich mit solchen Fragen auseinander gesetzt. Aldous Huxleys "Brave New World", Kazuo Ishiguros "Alles, was wir geben mussten" oder Juli Zehs "Corpus Delicti" sind nur ein paar Beispiele der vergangenen Jahrzehnte. Der Autor Christian Dittloff, 1983 in Hamburg geboren, der auch als Online-Redakteur bei der Komischen Oper Berlin arbeitet, hat sich für seinen Debüt-Roman "Das weiße Schloss" ebenfalls drängende Zukunftsfragen vorgenommen.

Elternschaft gegen Unabhängigkeit

Eltern sein, den Alltag als Familie meistern? Für Ada ist das eine ganz und gar abschreckende Vorstellung:

"Was Lea jetzt wohl tat?, dachte Ada. Wahrscheinlich rannte sie durch die Wohnung und stillte die Bedürfnisse ihrer Nachkommen. Spielzeug, vollgepisste Klamotten, ein permanentes Weinen und Schreien und der Geruch von Scheiße. Manchmal schämte sie sich vor ihrer Schwester, weil Ada sich nur um sich selbst zu kümmern hatte." Leseprobe

Ada und ihr Freund Yves zelebrieren ihr Leben als Paar - unabhängig, selbstbestimmt, spontan, leidenschaftlich.

"Wir können einfach so unser Leben ändern. Zu jedem Zeitpunkt. Wir sind niemandem etwas schuldig. Alles auf neu." Leseprobe

Doch auch Ada und Yves - natürlich spielen ihre Namen auf die biblische Schöpfungsgeschichte an -  wollen ein Kind.

Die Geschichte könnte in nicht allzu ferner Zukunft spielen. Ada hat einen erfüllenden Job im Amt für Gesellschaftserweiterung. Sie castet Menschen, die der positiven Entwicklung der Gesellschaft dienen könnten. Yves ist Künstler, ins Land integriert, um einen kulturellen Beitrag gegen Rechtspopulismus zu leisten. Wie die Welt um dieses elitäre Setting aussieht, bleibt weitgehend offen.

Stressvermeidung durch Eliteprogramm

Ada und Yves wünschen ihr Kind nicht auf dem herkömmlichen Weg. Ein neues Programm weckt das Interesse des Paares, das seit kurzem in einer modernen, abgeschotteten Bungalow-Siedlung am Stadtrand lebt. Das Versprechen: Ein Internat übernimmt die Aufzucht und Ausbildung des eigenen Kindes ab der Zeugung - mit einer auserwählten Leihmutter unter professioneller Betreuung und idealen Bedingungen. Das "Weiße Schloss" bietet das Rundum-sorglos-all-inclusive-Paket aus dem Katalog.

"'Auf dem Weißen Schloss sind wir uns darüber im Klaren', fuhr die Direktorin fort, 'dass wir mit jeder Empfängnis vor einer wichtigen und komplexen Aufgabe stehen. Die assistierte Empfängnis und die Tatsache, dass das Kind der intendierten Eltern durch eine Tragemutter zur Welt gebracht wird, die es sogar im Alltag erzieht, löst traditionelle Familiengrenzen auf. Für mich ist dies eine Chance, die wir vorsichtig ergreifen sollten. Es ist ein Balanceakt zwischen sozialer Fremdheit und biologischer Nähe.'" Leseprobe

Was ist eine Familie? Ist Mutterliebe nur eine Erfindung? Kann und darf man ein Kind so prägen, dass es der Gesellschaft optimal dient? Ist es erlaubt, nur die Seiten des Lebens auszukosten, die nicht wehtun und anstrengend sind? Und was bleibt dabei auf der Strecke?

Hinweis: Harbourfront Literaturfestival Hamburg

Christian Dittloff liest aus "Das weiße Schloß"
Donnerstag 13.09.2018 - 19:00 Uhr
Im: Nochtspeicher,
Bernhard-Nocht-Str. 69
20359 Hamburg
(weitere Autoren:
Stephan Lohr, Julia von Lucadou)

Von der Weiterführung des Optimierungswahns

Christian Dittloff stellt mit seiner Geschichte gesellschaftliche Dogmen zur Diskussion. Gesetzmäßigkeiten, die spätestens mit der ersten erfolgreichen In-Vitro-Fertilisation vor genau 40 Jahren - nach und nach ins Wanken geraten sind. Er denkt unseren modernen Optimierungswahn weiter.

Wir begleiten Ada und Yves auf ihrem Weg: das gemeinsame Zeugungsritual mit der Leihmutter Marie, die Briefe aus dem Weißen Schloss, die genau über den Fortschritt der Schwangerschaft informieren, die Besuche bei Marie, aber auch aufkommende Zweifel und Sorgen und die stetige Selbstvergewisserung des Paares.

"'Aber ich finde es gut', sagte Yves, 'dass wir ein Kind haben werden.' / 'Ich finde es auch gut.' /'Es wird ein großartiges Kind. Und immer wenn wir es besuchen, können wir es lieben. Wir können gute Eltern sein.'" Leseprobe

Auch wenn die Charaktere bisweilen unnahbar wirken und die immer wiederkehrenden Sexszenen und detaillierten anatomischen Beschreibungen der Zeugung und Schwangerschaft für Längen sorgen, ist Christian Dittloff ein packender, sprachlich brillanter Zukunfts-Roman gelungen. Voller Fragen ohne einfache Antworten, beklemmend und faszinierend zugleich.

Das Weiße Schloss

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berlin Verlag
Bestellnummer:
978-3-82701-385-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.08.2018 | 12:40 Uhr

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