Cover von Richard Russos "Mittelalte Männer" © Dumont

Richard Russo: "Mittelalte Männer" zwischen Erfolg und Scheitern

Stand: 17.08.2021 13:50 Uhr

Im Prinzip könnte "Mittelalte Männer" der Titel aller Romane von Richard Russo sein. Der Autor ist geradezu spezialisiert auf dieses Thema: Männer am Beginn des körperlichen Rückbaus.

von Annemarie Stoltenberg

Richard Russo gehört unbedingt zu den Schriftstellern, an deren Sound man sich so gewöhnt, dass man, wenn eines seiner Bücher ausgelesen ist, ein anderes von ihm lesen möchte. Dabei passiert gar nicht viel. Es ist eher so ein trockenes Kopfschütteln, unwissend, verzweifelt, schmunzelnd. Der Held ist, wie es der Titel verspricht, ein "mittelalter Mann", glücklich verheiratet, zwei Töchter, Universitätsprofessor. Er hat einen Roman veröffentlicht, der immerhin einen Kritikerfolg errungen hat, er muss an der Uni Budgetkürzungen umsetzen, für die er nichts kann. Gleichwohl zieht er sich den Zorn der Kollegen zu. Er zweifelt ein bisschen an seiner Ehe, hat natürlich Prostata-Probleme und sein bester Freund ist geradezu zwanghaft in seine Frau verliebt. Russo beguckt sich diese Apparatur des täglichen Lebens durch alle Luken. Leser*innen, die sich über ihre Männer nicht müde werden zu wundern, kommen hier auf ihre Kosten, denn Russo ist ein männlicher Nähkästchenplauderer.

Zugegeben, leicht mache ich es den anderen nicht. Ich kann unterhaltsam sein, das schon, aber die meisten Menschen wollen nicht unterhalten werden. Sie wollen getröstet werden.

"Mittelalte Männer" und die sonderbaren Aspekte des Lebens

Es sind nicht die großen Gefühle, von denen er erzählt, sondern die unauffällig sonderbaren Aspekte des Lebens. Er kombiniert vieles, das nicht wirklich zusammenpasst und erzielt damit eine ganz eigene, komische Wirkung: Rasieren, Familienliebe und Beruf. Eifersucht und Badewanne. Seine Hauptfigur beschreibt sich selbst von Kindheit an als an seltsam:

Es ist nie ein leichter Moment für Eltern, wenn ihnen plötzlich aufgeht, dass sie ein Kind gezeugt haben, das die Dinge nie so sehen wird wie sie selbst, ungeachtet der Tatsache, dass es ihr lebendes Vermächtnis ist, ihren eigenen Namen trägt.

Humorvolles Porträt der westlichen Zivilisationsgesellschaft

Solche kleinen Beobachtungen machen Richard Russos Romane sehr attraktiv. Wenn er, ohne eine Miene zu verziehen, wie nur die ganz großen Komiker und Entertainer, den Teppich unter den Füßen wegzieht. Seine Hauptfigur William Henry Devereraux, genannt Hank, streitet mit seinem Freund um seine Ehefrau:

"Du liebst sie nicht so, wie sie es verdient hat", sagte er mit Tränen in den Augen.

Man sieht die beiden vor sich, wie sie immer mühsamer artikulieren und anfangen, immer wieder das gleiche zu sagen, mit immer schwerer werdender Zunge:

Es war eine ziemlich absurde Situation: Zwei mittelalte Männer (...) wir waren auch damals schon mittelalt -, die in einer Bar (...) saßen und darüber diskutierten, wie viel Liebe genug sei, wie viel mehr jemand verdiente.

Richard Russo liefert ein mögliches Porträt dieser westlichen Zivilisationsgesellschaft, der es gut geht, aber die ihrer selbst irgendwie überdrüssig geworden ist. Das erzeugt eine Mischung aus Langeweile und Selbsthass. Aber vielleicht fangen sie sich doch noch und wenden sich wichtigen Themen und Plänen zu.

Mittelalte Männer

von Richard Russo
Seitenzahl:
608 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Monika Köpfer.
Verlag:
DuMont
Veröffentlichungsdatum:
13. August 2021
Bestellnummer:
978-3-8321-8116-1
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.08.2021 | 12:40 Uhr

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Romane

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