Buchcover: Matthias Nawrat - Reise nach Maine © Rowohlt Verlag

"Reise nach Maine": Ein Mutter-Sohn-Trip von Matthias Nawrat

Stand: 20.07.2021 18:42 Uhr

Matthias Nawrat kam 1979 im polnischen Opole zur Welt, emigrierte als Zehnjähriger mit seinen Eltern nach Bamberg und lebt heute in Berlin. Das neue Werk des vielfach ausgezeichneten Autors erzählt von einer Reise, die ein Schriftsteller mit seiner Mutter in die USA unternimmt.

Buchcover: Matthias Nawrat - Reise nach Maine © Rowohlt Verlag
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von Andrea Gerk

Eigentlich hat sich der Erzähler in Matthias Nawrats Roman die Reise mit seiner Mutter anders vorgestellt. Eine gemeinsame Woche in New York hatte er ihr vorgeschlagen, um die immer wieder geäußerte Befürchtung der Mutter zu zerstreuen, keiner in der Familie verbringe gern Zeit mit ihr. Und anschließend wollte er noch eine zweite Woche allein durch Maine reisen, sozusagen als Belohnung. Aber die Mutter hat den geplanten Besuch bei ihrem Studienfreund abgesagt und den Sohn, wie er findet, "ausgetrickst".

Reibereien zwischen Mutter und Sohn

"Jetzt, da meine Mutter auch die zweite Woche für sich beanspruchte, meine Allein-Woche, war meine Vorfreude nur noch ein Konstrukt. Ich meinte plötzlich, dass ich sie nur empfand, weil meine Mutter sich das wünschte, es von mir erwartete. Ich hatte ihr etwas Gutes tun, ihr zeigen wollen, dass sie mir wichtig war. Aber sie hatte es geschafft, dachte ich, es in eine Pflicht umzuwandeln, ganz wie immer, wenn sie zu ihren Vorträgen anhob darüber, was Familie bedeutet, dass auch Verpflichtungen damit verbunden waren." Leseprobe

Von solchen Erwartungen und den Enttäuschungen, die ihnen eingeschrieben sind, erzählt Matthias Nawrat in seinem famosen Roman. Humorvoll und genau beschreibt er die ritualisierten Reibereien zwischen Mutter und Sohn und die Vergeblichkeit, aus ihren Rollen aussteigen zu können.

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Intensive Beschreibungen

Kaum sind die beiden in ihrem Airbnb-Appartment in Brooklyn angekommen, stürzt die Mutter über einen Hocker, was nicht nur zähe Besuche im Krankenhaus zur Folge hat. Mit ihrer gebrochenen Nase und den blau unterlaufenen Augen, erregt sie überall Aufsehen und wird ständig angesprochen. Ähnlich intensiv wie die Gespräche und Begegnungen, von denen Matthias Nawrat erzählt, sind seine Beschreibung von Sinneseindrücken, Beobachtungen oder Gerüchen in der sommerlich heißen Stadt - und später an den Küsten von Maine.

Die Luft hier unten stand still, es roch nach Malz, nach Staub und Rattenkot, nach trockener Feuchtigkeit, wenn es das gibt. Ich meinte, in dem Geruch des Tunnelsystems noch die Boomphase der Stadt riechen zu können, die Zeit der Millionäre, die im vergangenen Jahrhundert ihre Wolkenkratzer um die Wette in den Himmel wachsen ließen, die Zeit der ersten sozialistischen Gewerkschaften, der Gangs und Banden, des verbotenen Alkohols, einer Zeit, die hier unter der Erde, in diesem abgeschlossenen, versiegelten Raum für immer fortdauerte. Leseprobe

Eine Erzählung auf unterschiedlichen Ebenen

Wie die Geschichte in der Gegenwart fortwirkt und an manchem Kulminationspunkt die Zeit beinahe stillzustehen scheint, davon erzählt Matthias Nawrat auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Nicht zuletzt geht es in diesem Roman aber auch darum, was sich überhaupt erzählen lässt und was ein Leben erzählenswert macht. So berichtet der Sohn, der wie der Autor Schriftsteller ist, einer Gastgeberin in Maine, wie unzufrieden er ist, dass seine Schreibvorhaben fast immer vom eigenen Erleben und dem Drang darüber schreiben zu müssen, durchkreuzt würden:

"Ich habe das Gefühl, dass es gerade das Leben aller anderen Menschen ist, das beschrieben werden müsste, nicht mein eigenes", sagte ich. "Ich weiß nicht, ich kenne mich natürlich mit Literatur nicht aus", sagte Maurice. Aber für sie sei mein Leben oder das Leben meiner Mutter ja das Leben von anderen Menschen. Leseprobe

Was letztlich auch die Frage nach dem literarischen Gehalt autofiktionaler Texte beantwortet. Aber wenn das eigene Erleben auf so präzise und poetische Weise zu Literatur verdichtet wird, wie es Matthias Nawrat in "Reise nach Maine" gelingt, ist es ohnehin völlig gleich, welchen Gattungsnamen ein so gelungener Text am Ende erhält.

Reise nach Maine

von Matthias Nawrat
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00231-2
Preis:
22,00 €

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