Buchcover: Lukas Rietzschel - Raumfahrer © dtv

"Raumfahrer": Lukas Rietzschel über das Leben in einem luftleeren Raum

Stand: 26.07.2021 04:00 Uhr

Lukas Rietzschel gilt nicht nur als wichtige Stimme einer ganz jungen Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, sondern auch als Experte für Ostdeutschland.

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von Matthias Schümann

Wut, Gewaltexzesse und Rechtsextremismus vor allem bei jungen Menschen und der Umgang mit der verblassenden Erinnerung an die DDR - das waren die Themen seines ersten Buchs "Mit der Faust in die Welt schlagen". Mit großer Spannung wurde nun sein zweiter Roman, "Raumfahrer", erwartet. Lukas Rietzschel, der übrigens im Vorstand der SPD in Görlitz sitzt, bleibt darin seinen Themen treu. Wieder geht es um die sächsische Provinz, um eine abgehängte Elterngeneration und ihre orientierungslosen Kinder. Diesmal kommt ein berühmter Name hinzu.

Die Vergangenheit ist nichts mehr wert, eine Zukunft ist nicht vorhanden

Es sieht traurig aus in der sächsischen Kleinstadt, in der Lukas Rietzschel seinen neuen Roman angesiedelt hat. Die Neubaublocks sind abgerissen, nur noch die Straßen sind übrig. Die Siedlungen mit Einfamilienhäusern sind trist. Jan und sein Vater zum Beispiel blicken von ihrem Grundstück aus auf die Laderampe eines Möbelhauses. Die Menschen, so schreibt Rietzschel in seinem neuen Buch, erscheinen in dieser verlassenen Gegend wie Raumfahrer: Sie bewegen sich in einem luftleeren Raum, ihre Vergangenheit in der DDR ist nichts mehr wert, eine Zukunft haben sie nicht, weil sie mit der Gegenwart kaum Schritt halten können. Besonders betrifft das die Elterngeneration. Jans Mutter starb früh, sie trank sich zu Tode. Betroffen ist aber auch der junge Mann Jan selber, geboren 1989. In den besten Momenten nehmen er und sein Vater die Situation mit Humor:

Lebensleistung anerkennen, das war so ein Beispiel, so eine Phrase, die sich der Westen ausgedacht hatte. "Muss ich da jetzt zum Amt und krieg da einen Stempel für?", sagte Vater. "Nur wenn du deine Lebensleistungsurkunde mitbringst", sagte Jan. Sie lachten und stießen mit den Landskron-Bieren an. "Da muss ich mal in meiner Lebensleistungszeugnismappe suchen." So ging das hin und her. Lachen oder weinen, die ewige Frage. Leseprobe

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Das schwierige Ankommen der Lausitzer in der gesamtdeutschen Gegenwart ist nur eine Ebene des Romans von Lukas Rietzschel. Eine zweite reicht hinab in die deutsche Geschichte. Jan begegnet im Krankenhaus einem älteren Mann, der ihm ein Paket mit Dokumenten in die Hand drückt. Zeichnungen, Briefe, Notizen. Der Mann heißt Thorsten Kern, er ist der Sohn von Günter und der Neffe von Georg Kern, besser bekannt als Georg Baselitz. Der berühmte Maler wuchs wie Lukas Rietzschel in der Lausitz auf. Rietzschel beschäftigte sich intensiv mit Baselitz' düsterem Gemäldezyklus "Die Helden": lauter Kriegsheimkehrer in zerschlissenen Uniformen. Sie erinnerten Rietzschel an betrunkene ehemalige NVA-Offiziere, die er in seinem Heimatort erlebte.

"Da dachte ich, vielleicht ist das das Narrativ: die Nachwendezeit mit der Nachkriegszeit zu verknüpfen, also mit diesen Heldenbildern von Baselitz", so Rietzschel. "Das war dann am Ende die Klammer, die alles zusammenhalten sollte. Und diese Spuren zu suchen, das wollte ich nachvollziehbar machen, dieses Schweigen über Vergangenheit, diese DDR und alles, was passiert ist, diese Umbruchsjahre, das taucht wieder auf und das wird ganz präsent für eine junge Generation."

Frischer Blick auf Vergangenheit und Gegenwart

Rietzschel erzählt nicht exakt die Lebensgeschichte der Familie Kern, er wandelt ab, dramatisiert, erfindet neu. Doch im Grunde ist die Erzählung authentisch. Rietzschel bekam wie sein Romanheld von Günter Kern einen Karton mit Familien-Dokumenten. Im Roman verwandelt sich Hauptfigur Jan vom Raumfahrer in einen Zeitreisenden. Dabei entfaltet Rietzschel fast so etwas wie eine Krimihandlung, denn die Spuren, die Jan findet, verändern nach und nach seinen Blick auf die eigene Familie, seine Erinnerungen.

Rietzschel bedient auch bekannte Narrative. Die Geschichte von Günter Kern ist auch eine Stasi-Geschichte. Ohne den Repressionsapparat sei die DDR nicht zu denken, sagt Rietzschel. Das ist vielleicht nicht besonders neu, doch dieser Griff in die Vergangenheit erweitert beträchtlich den Horizont von Rietzschels Debütroman, der in den 2000er-Jahren spielte. Was den jungen Menschen von heute das Leben schwer macht, hat offenbar eine lange Geschichte. Verhaltensweisen und Verletzungen werden gleichsam vererbt, bis in die jüngste Generation. Dieser vielleicht finstere, aber auf jeden Fall frische Blick auf Vergangenheit und Gegenwart macht diesen Roman lesenswert.

Raumfahrer

von Lukas Rietzschel
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-28295-6
Preis:
22,00 €

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