Stand: 23.06.2016 09:26 Uhr  - NDR Info

Migration - überwiegend eine Erfolgsgeschichte

Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?
von Jagoda Marinic
Vorgestellt von Nicole Ahles, NDR Info
Cover des Buches "Made in Germany" von Jagoda Marinic. © Hoffmann und Campe
Das Buch "Made in Germany" von Jagoda Marinic ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.

In Deutschland wird eine hitzige Integrationsdebatte geführt - angefeuert von der AfD. Aber worum geht es eigentlich, um welche Gesellschaft? Die Schriftstellerin Jagoda Marinic ist in Deutschland geboren und hat kroatische Wurzeln. Sie betrachtet die Debatte aus ihrem ganz eigenen Blickwinkel - In ihrem neuen Buch fragt sie: "Made in Germany - was ist deutsch in Deutschland?"

Eine hysterisch geführte Debatte

Deutschland mache gerade eine Rolle rückwärts, sagt Jagoda Marinic. Die deutsche Willkommenskultur, die im vergangenen Jahr weltweit für Aufsehen gesorgt hatte, ist abgelöst worden von einer Integrationshysterie.

"Integration ist dem Kern der Sache nach ein Gesellschaftsthema. Gehandhabt wird es jedoch wie ein Thema der inneren Sicherheit. Die Sicherheitsfragen dürfen jedoch nicht zur Verallgemeinerung führen, die sich negativ auf die gesamtgesellschaftlichen Fragen der Integration auswirken." Zitat aus dem Buch "Made in Germany"

"Wir müssen uns beruhigen!"

Marinic will mit ihrem Buch den polemischen Aussagen einiger in diesem Land etwas entgegen setzen.  "Es ist nur noch ein Diskurs der Angst, der Schaffung von Feindbildern und ich denke dieser Kurs muss sich wieder beruhigen und Deutschland muss sich klarmachen, was wir eigentlich seit Jahrzehnten in diesem Land gemeinsam geleistet haben und das wir uns nicht so sehr fürchten müssen, wie manche uns das derzeit suggerieren."

Migrationshintergrund haben viele

Marinic spielt damit auf Gastarbeiter an, die, so wie ihre eigenen Eltern, vor Jahrzehnten nach Deutschland kamen, hier Familien gründeten und geblieben sind. 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben im Moment in Deutschland, die meisten mit deutschem Pass. Dennoch würden über alle, so Marinic, unterschiedslos gesprochen. Ausländer, Menschen mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge - all diese Begriffe würden fatalerweise wie Synonyme verwendet. Besonders die Berichte über die sexuellen Übergriffe einiger Männer gegen junge Frauen in der Silvesternacht in Köln machten das deutlich: "Wenn ich jetzt über Köln rede und ich rede völlig unterschiedslos über diese jungen südländisch aussehenden Männer, dann spreche ich damit unter Umständen - sagen wir mal übertrieben - auch über Moritz Bleibtreu, als jungen Mann, oder Jungs, die südländisch aussehen aber mit deutschem Pass geboren wurden. Plötzlich sind diese jungen Männer in einer Gruppe für Taten, für die sie nichts können und das macht was mit den jungen Menschen."

Schlechte Ausnahmen bestimmen die Debatte

Es sei wichtig klar zu differenzieren, sagt Marinic, diese Gleichmacherei macht sie wütend: "Man spricht bei keinem anderen Thema in Deutschland fast nur so über die schlechten Ausnahmen, wie beim Thema Integration. Das heißt beim Thema Integration muss einer den Fehler machen und alle sind in Sippenhaft."

Persönlicher Blick in gesammelten Reden

Marinic, die auch Gründungsdirektorin des Interkulturellen Zentrums in Heidelberg ist, hat nicht den Anspruch objektiv zu sein, ihr Buch ist oft sehr persönlich, sie schreibt engagiert. Leider bestehen die hinteren zwei Drittel des Buches lediglich aus Redemanuskripten, die Marinic zu verschiedenen Anlässen gehalten hat - eine Einordnung oder auch nur ein Hinweis darauf, warum sie an dieser Stelle zu finden sind, sucht der Leser vergeblich. Hinzu kommt, dass diese Reden sich in Teilen wörtlich gleichen. Man hätte sich ein Eingreifen des Lektors an dieser Stelle gewünscht.

Politik ohne klare Linie in der Integrationsdebatte

Dennoch - Marinic hat viel zu sagen. Grundsätzlich unterstützt sie die Haltung von Bundeskanzlerin Merkel in der Flüchtlingsfrage, aber:

"Durch Merkels widersprüchliche Flüchtlingspolitik, in der sie einerseits Humanität predigt, andererseits vieles im Vagen lässt, ist ein verheerendes Potpurri an Positionen und Vorschlägen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, das nicht nur der Flüchtlingsfrage schadet, sondern auch dem Reden über Integration." Zitat aus dem Buch "Made in Germany"

Migration ist das neue Normal

Deutschland habe sich verändert mit den Jahren, der Migrationshintergrund werde künftig das neue Normal sein: Das sei für Deutschland eine Chance, keine Gefahr, so Marinic.

Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Verlag:
Hoffmann und Campe
Veröffentlichungsdatum:
14.05.2016
Bestellnummer:
978-3-455-50402-6
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 23.06.2016 | 08:50 Uhr

Mehr Kultur

Eine Frau liest einen Brief vor - vier Personen hören gebannt zu (Szene aus "The Juliet Letters) © Peter van Heesen

"The Juliet Letters": Eine Ode an den Brief

Choreograf Ralf Dörnen hat das legendäre Album "The Juliet Letters" von Elvis Costello zu einem Ballettabend zusammengewebt. Am Theater Vorpommern wird das Stück nun aufgeführt. mehr

Das Museum St. Annen in Lübeck © die Lübecker Museen

Ausstellung in Lübeck zeigt Kultur der Polarkreise

Mit der ersten Ausstellung unter neuer Leitung möchte die Völkerkundesammlung andere Sichtweisen auf ihre Objekte und die Geschichte Lübecks eröffnen. mehr

Cover des Buches "Being young. Uns gehört die Welt" von Linn Skåber © Rowohlt Verlag

"Being young" - Was die Jugend von heute bewegt

"Being young" der Norwegerin Linn Skåber ist ein literarischer Glücksfall. Selten hat eine Autorin die Gefühls- und Gedankenwelt von Jugendlichen so eindringlich beschrieben. mehr

Das Cover von "Jimi - die Hendrix-Biographie" von Philip Norman © Piper

Hendrix-Biographie: Detailversessenes Sittengemälde der Popkultur

Vor genau 50 Jahren starb Jimi Hendrix. Er galt als einer der virtuosesten E-Gitarristen, Songschreiber und Stilentwickler. "Jimi" ist eine beeindruckende Biographie von Philip Norman. mehr