Cover des Buchs "Mein Bruder" von Jamaica Kincaid, erschienen im Aki Verlag © AKI Verlag Foto: Bild: Cassi Namoda (Maria’s first night in the city, 2019)

Poetische Erinnerungswelten: Jamaica Kincaids "Mein Bruder"

Stand: 10.11.2021 13:58 Uhr

Nachdem ihre Mutter zum zweiten Mal geheiratet hatte, verließ Elaine Potter Richardson ihre karibische Heimat Antigua, wo sie 1949 geboren wurde. In New York nannte sie sich Jamaica Kincaid und wurde Schriftstellerin.

Cover des Buchs "Mein Bruder" von Jamaica Kincaid, erschienen im Aki Verlag © AKI Verlag Foto: Bild: Cassi Namoda (Maria’s first night in the city, 2019)
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von Claudia Cosmo

1978 erschien im "New Yorker" Jamaica Kincaids erste Erzählung "Girl", die nur aus einem einzigen Satz besteht und Kincaid berühmt machte. Die mehrfach preisgekrönte Autorin lebt heute in Vermont, ist leidenschaftliche Gärtnerin und hat zwei Kinder. Sie unterrichtet African and African American Studies in Harvard. Im neu gegründeten AKI Verlag ist Jamaica Kincaids Buch "Mein Bruder" jetzt in einer deutschen Neuübersetzung erschienen.

Ich bin aus Verzweiflung Schriftstellerin geworden, daher war mir, als ich erfuhr, dass mein Bruder sterben würde, der Akt, mich selbst zu retten, vertraut: Ich würde über ihn schreiben. Leseprobe

Jamaica Kincaids Buch "Mein Bruder" wurde in der englischen Originalfassung 1998 für den National Book Award in der Kategorie Non Fiction nominiert. Und dennoch liest sich der biografische Text wie ein Roman und erzählt auf poetische Art und Weise über das Sterben von Kincaids Bruder Devon, der sich mit HIV infiziert hatte. In "Mein Bruder" schreibt die Autorin in der Ich-Perspektive und schildert die letzte Lebensphase ihres Bruders, den sie kaum kannte. Jamaica Kincaid war bereits ein Teenager, als ihr Bruder Devon als jüngster von insgesamt drei Stiefbrüdern auf der karibischen Insel Antigua geboren wurde.

Mehr poetisches Nachdenken als Bericht

"Mein Bruder" ist kein Tagebuch, da Kincaid keinen Bericht darüber verfasst hat, was zu einer bestimmten Zeit geschehen ist. Das Begleiten des Bruders wird zum Anlass, Erinnerungen hoch kommen zu lassen. Zeitebenen fließen ineinander, Versatzstücke von Ereignissen oder zwischenmenschlichen Konstellationen reihen sich aneinander und münden in ein poetisches Nachdenken, das auch Kincaids eigenes Schicksal und das ihrer gesamten Familie umschließt.

Es war im Grunde genommen nur eine kurze Zeitspanne vom Ausbruch seiner Krankheit bis zu seinem Tod, doch diese Spanne wurde zu einer Welt. Eine Welt zu schaffen braucht eine Ewigkeit, und die Ewigkeit ist die Zuflucht für Verlorenes, die Zuflucht für alles, das niemals sein wird, oder für Gewesenes, das aber aus der Bahn geraten ist und nur darauf hofft, mit Würde in den Hintergrund zu treten. Leseprobe

Als aus der Bahn geraten schildert Jamaica Kincaids ihre Beziehung zur Mutter und zu ihrer Heimat Antigua, die sie als junge Erwachsene verließ. Zumal ihre Mutter Kincaids Liebe zu Büchern missbilligte und sie vor ihrem Abschluß einfach von der Schule nahm.

Meine Mutter liebt ihre Kinder, ich möchte sagen, auf ihre Art! Und das stimmt ganz und gar, sie liebt uns auf ihre Art. Es ist ihre Art. Es ist ihr niemals in den Sinn gekommen, dass ihre Art, uns zu lieben, vielleicht nicht die allerbeste für uns sein könnte. Leseprobe

Wiederannäherung mit Familie auf Antigua

Jamaica Kincaid beschreibt, wie sie immer wieder aus den USA nach Antigua reist, um ihrem Bruder wichtige Medikamente zu geben. Mit jedem Besuch merkt sie, dass ihre bewusst gewählte Distanz zur Heimat schwindet und dass der Sterbeprozess ihres Bruders eine Wiederannäherung an ihre Familie mit sich bringt. Erst jetzt lernt sie auch ihren Bruder kennen, der stets damit prahlte, ein Womenizer zu sein. Alle gingen davon aus, dass dieser ausschweifende Lebensstil für seine HIV- Erkrankung verantwortlich war. Doch das war alles nur Fassade. Kincaids Bruder war homosexuell, was auf Antigua ein Unding war.

Große Traurigkeit überfiel mich, und Ursache für die Traurigkeit war das tiefe Empfinden, das ich seinetwegen schon immer gehabt hatte: dass er gestorben war, ohne jemals verstanden oder gewusst zu haben, wer er war, oder in der Lage gewesen zu sein, der Welt, in der er lebte, zu zeigen, wer er war. Leseprobe

Zu Schreiben bedeutet für Jamaica Kincaid sich selbst und den anderen zu erfahren. Schreiben ist verstehen. "Mein Bruder" arbeitet stilistisch mit dem Mittel der Wiederholung, was die ein oder andere Leserin, den ein oder anderen Leser etwas nerven kann. Letztendlich tragen die Wiederholungen dazu bei, dass man eine Art Vertrautheit und Nähe zu Kincaids Geschichte aufbauen kann. Es ist eine warme Vertrautheit, die einen in die poetischen Erinnerungswelten Jamaica Kincaids mit hinein nimmt.

Mein Bruder

von Jamaica Kincaid,  aus dem Englischen von Sabine Herting
Seitenzahl:
237 Seiten
Genre:
Biografie
Verlag:
Aki Verlag
Bestellnummer:
978 3 311 35000 2
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.11.2021 | 12:40 Uhr

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