Stand: 12.06.2018 11:51 Uhr

Glanz und Schatten einer Fußballkarriere

Weltmeister ohne Talent
von Per Mertesacker
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Per Mertesacker lief 104 Mal für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf. Nach dem WM-Sieg 2014 trat er zurück.

Wenn am Donnerstagabend die Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen wird, heißt das nicht, dass in den nächsten Wochen die besten Spieler der Welt aufeinandertreffen. Viele der Besten müssen zu Hause bleiben, während andere Spieler, die weniger talentiert sind, aber im Gefüge ihrer Mannschaft wichtig sind, beim Turnier in Russland munter mitmischen. So empfindet das auch Per Mertesacker. Seine Autobiografie trägt den Titel "Weltmeister ohne Talent".

Der Druck im Fußballgeschäft

Nach dem spektakulären Interview mit dem "Spiegel" dürften viele Fußball-Fans die Geschichte eines Mannes erwarten, der mit dem erbarmungslosen Fußball-Zirkus abrechnet und die bittere Bilanz qualvoller Jahre zieht. Schließlich hatte Per Mertesacker über den gewaltigen Druck gesprochen, den er in seinen 15 Profijahren immer wieder gespürt habe und gesagt, dass dieser manchmal so stark gewesen sei, dass er sich unmittelbar vor Spielbeginn noch schnell habe übergeben müssen.

Natürlich wird der Druck in Mertesackers Buch ausführlich und differenziert thematisiert. Aber es ist alles andere als ein Pamphlet, sondern der vielschichtige, unterhaltsame und nachdenkliche Bericht eines Mannes, der in kurzer Zeit viel erlebt hat durch dieses sonderbare Spiel namens Fußball. "Es hat mir unglaublich viel gegeben", sagt Mertesacker, der zwischen 2004 und 2014 insgesamt 104 Mal für die deutsche Nationalmannschaft auflief. "Natürlich hat meine Karriere aber auch Situationen erschaffen, die mir viele Freiheiten genommen und auch meinem Körper viel abverlangt haben." Es habe teilweise Situationen gegeben, die er einfach weggeschluckt habe, weil er gedacht habe, dass das normal sei. "Du bist in dem System drin und hast immer weder Highlights. Fußball gibt dir viel. Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass jeder irgendwas mit sich schleppt."  

Konstanz statt Geniestreiche

Was Per Mertesacker all die Jahre mit sich herumschleppte, war dieser leise Vorbehalt, der ihn seit seiner Jugend, vielleicht noch nicht beim TSV Pattensen, aber dann bei Hannover 96, treu begleitete: "Ach, der Per, ein guter Junge, aber Talent - Talent hat er nun wirklich nicht." Und es stimmt ja auch: Mertesacker war kein Ballartist, kein filigraner Techniker, keiner, der in den "Sportschau"-Spielzusammenfassungen groß herauskam. Es hat gedauert, bis er selbst ein Gefühl dafür bekam, was er eigentlich kann: einfach und seriös spielen, der Mannschaft Halt geben, sich auf Unverhofftes einstellen.

"Zum Pokalspiel gegen Eintracht Braunschweig Ende Oktober musste ich nach der letzten Schulstunde der Mannschaft hinterherfahren. Es war ein Abendspiel, ein Derby, und die gegnerischen Fans hatten Schaum vorm Mund. Ich wärmte mich am Seitenrand auf und war überrascht vom tausendfachen Hass, der mir entgegenschlug. Ich verstand, dass man im Fußball auf diesem Niveau nicht nur den Gegner besiegen musste, sondern auch die eigene Unsicherheit. Man kann nicht so ohne Weiteres einen ruhigen Ball spielen, wenn dich ein ganzes Stadion auffressen will. Man muss lernen, die Feindseligkeit um einen herum auszublenden." Leseprobe

Der lange Weg an die Spitze

Mertesacker beschreibt mit Hilfe des renommierten Journalisten Raphael Honigstein seinen ganz und gar nicht kometenhaften Weg nach oben und lässt uns an seiner Entwicklung teilhaben. Ein Fußballer, der in Bremen erwachsen, in London nachdenklich und in Brasilien, kurz vorm WM-Triumph, sogar kurz patzig wird. In seinem inzwischen legendär gewordenen "Eistonnen"-Interview.

Fußballer-Autobiografien liest man meistens mit dem Gefühl großer Beklemmung, sei es, weil ihre Helden sich über ihre Großartigkeit gar nicht mehr beruhigen können, wie etwa Jens Lehmann oder Lothar Matthäus, sei es, weil sie allzu sehr dem Klassenstreber von einst ähneln wie Philipp Lahm. Bei Mertesacker ist das alles anders. Er erzählt mit Respekt, Witz und Selbstironie über Schatten und Glanz eines wirklich absurden Spiels:

"Man muss mit gewissen Dingen klarkommen. Es geht nicht immer fair zu. Der beste Fußballer aller Zeiten wird vielleicht nie Weltmeister werden. Dafür läuft ein langer Schlaks, der besser beim Schwimmen gelandet wäre, mit goldenem Pokal in der Hand aus dem Maracanã. Kann alles passieren." Leseprobe

Weltmeister ohne Talent

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Ullstein extra Verlag
Bestellnummer:
978-3-8649-3057-7
Preis:
20,00 €

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