Stand: 11.05.2018 11:38 Uhr

Eine schrecklich große Familie

Mutterland
von Paul Theroux, aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Paul Theroux ist ein amerikanischer Romancier und Reiseschriftsteller. 1941 wurde er in Massachussetts in eine große Familie geboren. Nach etlichen Reisebüchern und Romanen, die fern der Heimat in anderen Ländern spielen, befasst sich Theroux in seinem neuen Roman "Mutterland" mit der eigenen Familie - offenbar doch das gefährlichste aller Gebiete.

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"Sonderbare Marotten, Verrat, Gier und Grausamkeit": Paul Theroux erzählt in seinem Roman vom Albtraum Familienleben.

Wer eine Mutter hat, bei der das geringfügige Heben einer Augenbraue genügt, um sich massiv unwohl zu fühlen, von schlechtem Gewissen geplagt zu werden oder so eine Schüler-Urangst: "Versetzung gefährdet!" zu empfinden, der sollte dieses Buch lesen! So schlimm hat man es selten, aber die vielen Wiedererkennungseffekte spenden Trost und Stütze.

Verarbeitet Theroux seine eigene Kindheit?

Der Reiseschriftsteller Jay, die Hauptfigur im neuen Roman von Paul Theroux: "Mutterland", entspricht in den biografischen Eckdaten so stark seinem eigenen Leben, dass man nicht umhin kann, den Stoff für stark autobiografisch zu halten. Auch er hatte sieben Geschwister, auch seine Mutter wurde 102 Jahre alt. Eine Mutter im Zentrum der Macht:

"... ihr bevorzugtes Kommunikationsmittel war das Telefon. Es kam ihrem Bedürfnis nach Geheimniskrämerei und Manipulation entgegen. Sie wurde gern vom Klingeln des Telefons überrascht, liebte die Unberechenbarkeit des Gesprächs, die Macht aufzulegen." Leseprobe

Die unerreichbare Schwester

Jays Mutter spielt ihre Kinder gnadenlos gegeneinander aus und verteilt ihre Liebesbekundungen nach rätselhaft bleibenden Impulsen. Sie zeigt dem einen das schönere Geschenk des anderen, schenkt das Ferienhaus der Familie zwei Töchtern, deren Ehemänner sich nicht ausstehen können, und löst eine hässliche Fehde damit aus. Zudem beklagt sie sich beim einen Sohn über Äußerungen des anderen, steckt einer erwachsenen Tochter Geld zu und beklagt sich dann wieder bei einem ihrer Söhne, dass sie bettelarm sei.

Ihre gewichtigsten Urteile lässt sie allerdings stets von Angela fällen. Angela ist ein Kind, das wenige Stunden nach der Geburt starb, für die Mutter aber als Gesprächspartnerin immer präsent bleibt und bei jeder Familienfeier ein Tischgedeck bekommt. Keines der anderen Kinder kann mit Angela konkurrieren.

"'Wir sind eine Familie', sagen Leute selbstbewusst lächelnd, und ich denke, Gott stehe euch bei. Bei dem Ausdruck 'große, glückliche Familie' sehe ich keine verschworene Gemeinschaft vor mir. Ich assoziiere sonderbare Marotten, Verrat, Gier und Grausamkeit. " Leseprobe

Schuld sind immer die anderen

Jeder in dieser Familie ist darauf trainiert, den anderen Fehler nachzuweisen. Angespornt von der tyrannischen Mutter. Jays Bruder Hubby ist ein Meister darin:

"Hubby betrat das frisch gestrichene Haus, blickte blinzelnd nach oben und zeigte genau auf die Stelle, wo die Anstreicher einen Fleck in der Größe einer Centmünze auf der Unterseite eines Fensterbrettes im ersten Stock vergessen hatten. Und am selben Tag ging er die Einfahrt entlang, bückte sich und grub seine Finger in den Kies, um einen rostigen Nagel herauszuziehen, den er einem mit den Worten überreichte, was alles hätte passieren können, wenn er ihn nicht entdeckt hätte." Leseprobe

Der Schein trügt

Jeder kennt solche Menschen. Grausam in dieser Familie ist, dass alle Kinder alt und gebrechlich werden, aber immer noch Kinder bleiben, weil die Mutter so lange lebt, einem Raubvogel immer ähnlicher werdend, dünn, fit, beweglich, hellwach. Familienfeste werden zum Alptraum. Nur von außen, von einem Fremden betrachtet, wirkt das wie eine schöne große Familie:

"Aber wenn dieser Fremde genauer hingesehen hätte, hätte er einen Raum voller Groll gesehen - Jammern, Klagen, Klatsch und Tratsch." Leseprobe

Paul Theroux sieht genau hin, er erzählt vieles doppelt und dreifach. Aber das macht nichts, es geht nichts über gut abgeschliffene Familienanekdoten in Variationen.

Mutterland

von
Seitenzahl:
656 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00290-4
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.05.2018 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Paul-Theroux-Mutterland,theroux100.html
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