Stand: 03.07.2018 11:36 Uhr

"Lebens Werk": Die Biografie eines Buchs

Lebens Werk
von Paul Nolte
Vorgestellt von Alexander Solloch
Bild vergrößern
Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte in Berlin, erläutert die vielen Schritte, die zu diesem Klassiker führten.

Wenn ein Historiker eine Biografie schreibt, ist das noch nichts Besonderes. Biografien sind gefragt, verkaufen sich prima, halten das Interesse an der Geschichte wach - hier gibt’s also immer viel zu tun. Nun aber dies: Einer der wichtigsten deutschen Historiker der mittleren Generation, Paul Nolte, legt die Biografie von jemandem vor, der nicht atmet, nie atmete, nie gelebt hat, einfach nur da ist und zunehmend verstaubt. Oder nein, das ist auch falsch: Selten hat jemand einem eigentlich leblosen Gegenstand so viel Leben eingehaucht wie Paul Nolte mit "Lebens Werk", der Biografie eines Buchs.

Nolte will wissen: Wie entsteht ein Buch überhaupt?

"Am Anfang war Napoleon." Generationen von Geschichtsstudenten sind um die mit diesem Fanfarenstoß beginnende Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts von Thomas Nipperdey herumgeschlichen. In der Uni-Bibliothek waren die drei massiven Bände im Schuber immer vergriffen, im Handel waren sie zu teuer. So blätterte der Student bloß ein wenig darin, strich sanft über den Umschlag - ein wohliger Schauer durchfuhr ihn. Warum das so war, dafür gibt es jetzt die mustergültige wissenschaftliche Erklärung. Paul Nolte untersucht am Beispiel von Nipperdey, wie ein Buch überhaupt entsteht, ganz geistig, in Kopf und Herz eines Autors, und materiell, in Honorarverhandlungen, im Lektorat, in der Druckerei - und: was das Werk, ist es einmal fertig, auslöst.

"Schreib' ich jetzt noch mal ein großes Buch?"

Am Anfang war der Blick in den Spiegel. "Das war vor einigen Jahren, als ich selber davor war, 50 zu werden. Das ist ja auch so eine Schwelle im Leben eines Professors oder eines Gelehrten, vielleicht vieler Berufstätiger, die sich dann fragen: Oh, die Hälfte meiner Schaffenszeit liegt ja schon hinter mir, was mach ich jetzt eigentlich? Und als Wissenschaftler fragt man sich da klassischerweise: Schreib' ich jetzt noch mal ein großes Buch? Muss ich das jetzt vielleicht tun?", erklärt Paul Nolte.

Vom Ringen mit der Selbstmotivation

Sich hinzusetzen und ein großes Werk zu beginnen unterliegt nämlich selten ganz und gar der freien Entscheidung des Geisteswissenschaftlers. Thomas Nipperdey, 1927 in Köln geboren, habilitierte sich mit Anfang 30, wurde Professor in Karlsruhe, ein paar Jahre später an der Freien Universität Berlin; eine glanzvolle Karriere konnte beginnen - unter Umständen...

"Damit war der schwierige Moment der Bewährung gekommen, in dem die Fähigkeit zum Bücherschreiben erneut unter Beweis gestellt werden musste, damit man unter den Kollegen nicht dem männerbündischen Verdikt anheimfiel, ein 'vir unius libri', ein Mann bloß eines einzigen Buches, zu sein. Irgendwann ist das nicht mehr ein Problem der objektiv zur Verfügung stehenden Zeit, sondern der Fähigkeit zur Selbstmotivation für diese Extra-Leistung, deren Ausbleiben jedenfalls keine unmittelbaren oder schwer erträglichen Sanktionen nach sich zieht, wenn Stellung und lebenslange Versorgung der verbeamteten Professur einmal erreicht sind." Leseprobe

Paul Nolte hätte für seine exemplarische Studie sonstwen zum Hauptdarsteller machen können, große Werke werden ja immerzu geschrieben. Dass er aber Thomas Nipperdey wählte, stellt sich schon bald als sehr gute Entscheidung heraus. Nipperdey ist eine zutiefst literarische Figur, sein Ringen ums Werk pures Drama. Wie er immer zweifelt und zaudert, wie er voranschreitet und erschrocken wieder zurückweicht, wie er sucht und prüft und wägt und hadert - das bietet dem Leser, der die Lust und Last, immer alles Schwierige aufschieben zu müssen nur zu gut kennt, reiches Identifikationspotenzial.

Aufschub der Befriedigung

Es gibt ja immer einen guten Grund, das Werk, das natürlich irgendwann geschrieben werden wird, nur gerade jetzt nicht zu schreiben. "Da sind ja so viele Lehrveranstaltungen zu halten. Und Studierende zu betreuen. Und Gutachten zu schreiben. Und dann kommt noch eine Anfrage für eine kleine Rezension oder einen Aufsatz. All dieses kleine wissenschaftliche Werk kommt einem ja nicht nur in die Quere, es ist auch von der Motivation her so: Das lässt sich ja mal schnell und leichter erledigen. Ein großes Werk erfordert ja einen Aufschub der Befriedigung, da muss ich fünf, acht, zehn Jahre arbeiten, bevor ich eigentlich das Ergebnis einfahren kann", so Paul Nolte.

Programmtipp: Paul Nolte bei NDR Kultur

Am 28. Juli um 18 Uhr ist Autor Paul Nolte zu Gast in der Sendung "Das Gespräch".

Als der Zug zum großen Werk schon abgefahren scheint, schafft es Nipperdey gerade noch aufzuspringen: mit schelmischer List und Scharfsinn, vielleicht sogar etwas Intriganz sichert er sich einen lukrativen Vertrag fürs große Werk. Jahre des Schreibens folgen, die Nolte minutiös analysiert, präzise, empathisch, aber auch mit gebotener Distanz. Das Geraune von der entsagungsreichen Knechtschaft am Schreibtisch verweist er überzeugend ins Reich der Mythen; ans Tageslicht bringt er hingegen das, worüber so selten gesprochen wird. Wie wird ein Buch eigentlich produziert? Noltes Liebe zum Detail steckt an:

"Dann ging es um die Qualität und Stärke des Papiers: danach, nicht nur nach der Seitenzahl, entscheidet sich, wie dick das Buch wird, und das wiederum ist nicht ausschließlich eine praktische Frage, sondern mit kulturellen Codes versehen. Mithilfe von Dünndruckpapier kann man auch aus einem Werk von 800 Seiten einen vergleichsweise "schlanken" Band machen. Doch nimmt man ihm dann den Anspruch ab, ein wirklich wichtiges Werk zu sein? Auch muss das Buch dick genug sein, damit der Name des Autors und der Titel auf dem Rückenschild, also mit dem, was bei Aufstellung im Regal, sichtbar ist, horizontal lesbar sind, die Schrift also nicht den Buchrücken hoch- (wie es in Deutschland üblich ist: Kopf am Regal nach links neigen) oder herunterläuft (wie im englischen Sprachraum: Kopf nach rechts neigen)." Leseprobe

Paul Noltes Erzählung ist eine große Feier des Wunderwerks Buch - und nebenbei ist ihm dabei noch sein eigenes Opus magnum gelungen. Am Anfang nämlich war die Erzähllust.

Lebens Werk

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C.H. Beck Verlag
Bestellnummer:
978-3-406-721-410
Preis:
39,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.07.2018 | 12:40 Uhr

05:30
NDR Kultur
03:51
NDR Kultur
03:58
NDR Kultur

Paul Nolte: "Lebens Werk"

12.07.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:59
NDR Kultur

Linn Ullmann: "Die Unruhigen"

11.07.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:22
NDR Kultur

Anne Tyler: "Launen der Zeit"

10.07.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:32
NDR Kultur

Rachel Cusk: "Kudos"

09.07.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

05:52
Kulturjournal
57:32
NDR Info

Elbjazz 2018 - NDR Info Radio Stage (2)

20.07.2018 22:05 Uhr
NDR Info
02:30
Hamburg Journal

25 Jahre "Hamburger Jedermann"

20.07.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal