Bob Dylan spielt am 22.10.2015 ein Konzert in London. © Paolo Brillo Foto: Paolo Brillo

Paolo Brillo: "Bob Dylan. No such thing as forever"

Stand: 23.05.2021 07:40 Uhr

In einem neuen Bildband hat der italienische Fotograf Paolo Brillo Fotos von Bob Dylans so genannter "Never Ending Tour" versammelt: Bilder aus drei Jahrzehnten, Konzerte von 1989 bis 2019.

von Guido Pauling

Bob Dylan in Berlin am 25.10.2013. © Paolo Brillo Foto: Paolo Brillo
Paolo Brillo hielt Bob Dylans Wandel über die Jahre in Bildern fest.

Um es gleich vorweg zu sagen: Paolo Brillo macht seine Sache exzellent. Der Mann ist Profi unter den Konzertfotografen, anders als die vielen Konzertbesucher, die während eines Auftritts ihr Smartphone hoch- und dann einfach mal draufhalten, egal ob das die Musiker nun stört oder nicht.

"Ich sag's nochmal: macht Fotos oder macht keine Fotos! Entweder wir können spielen - oder wir können posieren. Okay?", raunzte Dylan im April 2019 sein Publikum in Wien an, als mehr und mehr Zuhörer nach vorn an den Bühnenrand traten und während des letzten Songs drauflosknipsten, als spielte die Musik keine Rolle mehr. Eine furchtbare Unsitte, die Dylan spürbar die Laune verdarb - so wie vielen anderen Musikern und Zuhörern bei Rockkonzerten grundsätzlich auch.

Dreißig Jahre Konzerte in Fotos

Brillo ist anders. Seine Bilder sind keine verwackelten Schnappschüsse. Er steht in dem Ruf, selbst verborgen zu bleiben, während er den Auslöser drückt - unbemerkt, ohne das Objekt seiner Wahl zu molestieren. Der Bildband "No such thing as forever" dokumentiert zahlreiche Bühnenauftritte von Dylans "Never Ending Tour" - und distanziert sich schon im Buchtitel von allzu platter Herangehensweise an Dylans extensives Konzertleben.

"Kritiker sollten wissen, dass es sowas wie 'für immer' nicht gibt", hat der rastlos die Welt bereisende Sänger (und Komponist des Songs "Forever young") 2009 in einem Rolling Stone-Interview über die "Never Ending Tour" gesagt - um anschließend, nach zwei Jahrzehnten ununterbrochenen Tourens, noch einmal zehn Jahre lang Konzerte zu geben. Mehr als 3.000 sind es allein seit Beginn dieses Konzertmarathons im Juni 1988 geworden; erst die Pandemie stoppte den "Columbia Recording Artist". Seither fragen sich Dylanologen und Fans weltweit, ob sie am 8. Dezember 2019 in Washington D.C. sein vielleicht letztes Konzert gehört und gesehen haben.

Dylans Wandel fotografisch festgehalten

Bob Dylan in New York am 1.12.2014 © Paolo Brillo Foto: Paolo Brillo
Brillo ist Bob Dylan in die ganze Welt gefolgt. New York, Berlin, London, Salzburg - überall hat der Fotograf den Musiker festgehalten.

Immerhin sehen können sie viele Konzertmomente der letzten 30 Jahre noch einmal: In diesem Bildband voller beeindruckender Porträts. Paolo Brillo macht in seinen Aufnahmen Dylans Wandel über die Jahre deutlich, sein Älterwerden und - man kann es tatsächlich auf den Bildern sehen - sein Besserwerden. Im Juni 1989 spielt ein leicht aufgedunsener Altstar in Mailand seine E-Gitarre, etwas pausbackig, mit Silberohrring und allzu aufdringlich-cooler Lederjacke. Sechs Jahre später musste sich das Publikum ernsthaft fragen, wo der Meister wohl diese mal silberbläulich, mal rosarot schimmernden Glitzerhemden kauft, die ihn bei seinen Auftritten wie einen etwas halbseidenen TV-Hitparaden-Ansager wirken ließen.

Kaum sind die 90er-Jahre jedoch vorbei, wandelt sich das Bild vor Brillos Kameralinse. Da steht ein drahtiger, älterer Herr im Western-Anzug am E-Piano; mit Menjou-Bärtchen, Hakennase, Cowboyhut. Konzentriert-gespannt, ziemlich dünn und voller Energie singt er und bearbeitet dabei die Tasten. Ab 2010 sind Outfit und Songs schließlich eins - Dylan schreibt mittlerweile Musik im Stile der 20er, 30er und 40er-Jahre: Blues, Western Swing und Country-Balladen der Pre-Rock'n'Roll-Ära. Genau so sieht er auch aus mit Porkpie Hut, Bolo Tie und dunklem Anzug mit farbigen Nähten: Wie ein Gentleman der guten oder nicht-so-guten alten Zeit Amerikas.

Weniger ist mehr

308 Seiten voller Fotos und - bis auf ein dreiseitiges Vorwort - ohne erklärende Hinweise sind einfach zu viel. Es scheint, als habe Brillo jedes einzelne Konzert abbilden wollen, das er besucht hat; manche mit nur einer Aufnahme, manche mit achtzehn Bildern. Dylan mit Mundharmonika in der Hand, an den Lippen, Dylan von links, von vorn, von rechts - da hätte eine strengere Auswahl gut getan. Zudem zerfallen die 30 Jahre in zwei ungleiche Buchhälften: Der lange Zeitraum von 1989 bis 2012 macht den halben Band aus, die sieben Jahre von 2013 bis '19 füllen die komplette zweite Hälfte. Schon großartig, Dylans Spätphase so umfangreich dokumentiert zu bekommen, doch gilt auch hier: weniger ist mehr.

Einen Fotopreis als Kunstbuch wird dieser Bildband wohl nicht erhalten; für Dylan-Fans ist er eine Fundgrube, eine Schatzkiste, ein übervolles Erinnerungsalbum, vielleicht sogar ein Versprechen auf Kommendes. Gerade die Bilder, in denen "His Bobness" den Mann mit Kamera doch bemerkt zu haben scheint und mit durchdringend-blitzendem Adlerblick mustert, zeigen einen hellwachen, scharfsichtigen Künstler, der mit seinen nunmehr 80 Jahren noch lange nicht "over the hill" und "past his prime" angelangt ist.

Bob Dylan - am 24. Mai wird er 80 Jahre alt. Seit drei Jahrzehnten hat er rund 100 Konzerte pro Jahr gespielt. Der Bildband "No such things as forever" dokumentiert diese scheinbar niemals endende Tour.

Bob Dylan. No such thing as forever. Images from 30 years of the Never Ending Tour 1989 - 2019

von Paolo Brillo
Seitenzahl:
308 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Red Planet Books
Bestellnummer:
978-3-8296-0732-2
Preis:
abhängig vom Kurs des Pfunds ca. 42,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.05.2021 | 17:20 Uhr

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