Cover des Buches "An das Wilde glauben" von Nastassja Martin © Matthes & Seitz Berlin Verlag

Bärenstark: Nastassja Martins "An das Wilde glauben"

Stand: 19.05.2021 13:37 Uhr

Im August 2015 wird die junge Anthropologin Nastassja Martin auf Kamtschatka von einem Bären angefallen und überlebt schwer verletzt. Nun erscheint ihr sehr persönlicher Text darüber auch auf Deutsch.

Cover des Buches "An das Wilde glauben" von Nastassja Martin © Matthes & Seitz Berlin Verlag
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von Matthias Schümann

Nastassja Martin ist allein auf einem Hochplateau unterwegs, als ihr plötzlich der riesige Bär gegenübersteht, knapp zwei Meter entfernt. Keine Chance zu fliehen. Der Bär fletscht die Zähne, die junge Frau auch. Dann gehen beide aufeinander los. Sekunden später liegt Nastassja Martin am Boden, der Bär entfernt sich humpelnd.

Die Steppe ist rot, die Hände sind rot. Das geschwollene, zerrissene Gesicht gleicht sich nicht mehr. Wie in den Zeiten des Mythos herrscht die Ununterschiedenheit, ich bin diese undeutliche Form, deren Züge in den offenen Breschen des mit Blut und Sekreten verschmierten Gesichts verschwunden sind - es ist eine Geburt, da es ganz offensichtlich kein Tod ist. Buchzitat

"An das Wilde glauben": Beschreibung von Kampf und Wiedergeburt

Der Bär hat Nastassja Martin das Jochbein zertrümmert und ein Stück ihres Kiefers herausgerissen. Sie hat ihn im Gegenzug mit dem Eispickel verletzt. Auf dem Boden vermischen sich ihr Blut mit Fellbüscheln des Bären. Immer wieder kommt Nastassja Martin auf dieses Ereignis zurück, mal beschreibt sie den Kampf aus großer Distanz, mal ist sie nah dran, nimmt die Leserinnen und Leser mit in den Rachen des Tieres.

Dazwischen erzählt sie die Geschichte ihrer Wiedergeburt als eine vom Bären gezeichnete Frau. Die Ureinwohner der Region haben ein eigenes Wort für sie. Miedka. Ihre Freundin Darja erklärt es ihr:

Du bist 'miedka', halb und halb. Weißt du, was das bedeutet? Es bedeutet, dass deine Träume auch gleichzeitig seine sind. Buchzitat

Nastassja Martin: Aus der Beobachterin wird eine Beobachtete

Gegen diese enge Verbindung mit dem Bären wehrt sich die junge Frau. Nastassja Martin hatte sich als Expertin für arktische Völker einen Namen gemacht und eine Studie zu den Ureinwohnern Alaskas veröffentlicht. Danach zog es sie zu den Ewenen auf Kamtschatka, ein Volk, das von Rentierzucht und der Jagd lebt. Dort wird nach der Bären-Attacke aus der Beobachterin eine Beobachtete. Und aus der nüchtern analysierenden Intellektuellen wird eine Frau, die in das mythische Denken eintaucht. 

Das Ereignis ist: ein Bär und eine Frau begegnen sich und die Grenzen zwischen den Welten implodieren. Nicht nur die physischen Grenzen zwischen einem Menschen und einem Tier... Es ist auch die Zeit des Mythos, die die Realität einholt. Buchzitat

Neuer Blick auf die westliche Industriegesellschaft

Was ein wenig esoterisch anmutet, ist der schmerzhafte Versuch, sich selber als sein eigenes Gegenteil zu denken. Der Kampf mit dem Bären gerät so zur Zwiesprache mit dem Fremden.

Nastassja Martin lässt das Wilde in sich ein. Mit rationalen Begriffen ist das kaum zu fassen, deshalb muss sie buchstäblich dran glauben. Danach ist ihre Welt eine andere: Selber zu einer Wilden oder Fremden geworden, fühlt sie umso heftiger die Ausgrenzung der indigenen Völker auf Kamtschatka. Aber auch das Leben in der westlichen Industriegesellschaft erscheint ihr in einem neuen Licht.

Heute Morgen sage ich mir, ich müsste vor allem mit dem Wollen aufhören - sofort verstehen, gesund werden, sehen, wissen, vorhersehen wollen. In der Tiefe der eisigen Wälder "findet" man keine Antworten. Buchzitat

Autorin beeindruckt durch Kraft und rührt zu Tränen

Nastassja Martin hat ein wildes Buch geschrieben. Sie erzählt von gefährlichen Bergwanderungen in klirrender Kälte, schildert drastisch, wie eine ganze Rentierherde geschlachtet wird. Gleichzeitig ist das Buch eine schonungslose Selbstbefragung und eine poetische Auseinandersetzung mit der Fremdheit in Träumen und Ahnungen.

Emotional geht sie bis an die Schmerzgrenze. Sie beeindruckt durch ihre Kraft, sie rührt in ihrer Hilflosigkeit aber auch zu Tränen. Dabei geht es in diesem kleinen Buch um so viel mehr als um das Verhältnis des Menschen zur ungezähmten Natur, auch wenn ein wilder Bär darin die Hauptrolle spielt.

An das Wilde glauben

von Nastassja Martin. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer.
Seitenzahl:
139 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
Bestellnummer:
978-3-75180-017-4
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.05.2021 | 12:40 Uhr

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