Cover der Graphic Novel "Nächstes Jahr in" © Ventil Verlag

"Nächstes Jahr in": Graphic Novel über jüdisches Leben

Stand: 21.12.2021 06:00 Uhr

"Nächstes Jahr in" heißt eine neue Anthologie von Comics, die im Ventil Verlag erschienen ist. In elf Episoden deckt der Sammelband 500 Jahre jüdisches Leben in Deutschland ab.

von Philipp Weichenrieder

Überschwänglich winkt Ziva mit einem Brief in der Hand, bevor sie in die Arme ihrer Freundin Betty fällt. Es sind die Dokumente, die sie brauchen, um nach Israel einzuwandern, wo ihr Freund Yaakov auf sie wartet. Am Ende blickt Ziva, vom Schiff aus, mit einem optimistischen Lächeln, auf eine fliegende Möwe vor der Küste Israels – in eine Zukunft, die ihr Freiheit verspricht. "Yaakov steht für die jungen Menschen, die ins damals noch britisch besetzte Palästina gegangen sind, um dort den Staat Israel aufzubauen", erzählt die in Hamburg lebende Künstlerin Hannah Brinkmann. "Betty auf der anderen Seite steht für diejenigen, die geblieben sind und sich für eben den schwierigen Weg entschieden haben, in Deutschland - als dem Land der Täter - eine neue Heimat zu finden."

Hannah Brinkmanns Geschichte von Ziva, Yaakov und Betty spielt in den Jahren 1947 und 1948. Sie erscheint in der Form eines Comics für die Anthologie "Nächstes Jahr in. Comics und Episoden des jüdischen Lebens". In dezenten Farben - beinahe wie durch einen milchigen Schleier der Erinnerung - zeigt sie, wie die Protagonistin anfangs noch zögert, auszuwandern. Immer wieder ist sie mit verschränkten Armen und ernstem Gesichtsausdruck zu sehen. Dann öffnet sie sich, bereitet sich an der jüdischen Berufsfachschule Masada in Darmstadt auf ein Leben in Israel vor. Sie schlägt einen neuen Weg ein, entfernt von ihrem Geburtsland, das zum Land der Täter*innen wurde.

"Nächstes Jahr in": Kleine Graphic Novels mal realistisch, mal abstrakt

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Elf Comics von verschiedenen Künstler*innen erzählen in unterschiedlichen Stilen, mal realistisch, mal abstrakt, in Schwarz-weiß oder Farbe, mit Dialogen oder begleitend mit Gedichtzeilen Geschichten vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Durch ihre Protagonist*innen wie die fiktive Ziva oder die reale Lyrikerin Mascha Kaléko werden sie lebendig. Zwischen den Comics geben Begleittexte Informationen zu den Biografien und ordnen sie in größere Themen ein. Es wird beispielsweise erklärt, wie der Sederabend zum Beginn des jüdischen Hochfestes Pessach gestaltet wird. Ein anderer Text gibt Einblick in die Geschichte jüdischer Frauen im Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland. Auch wird werden Kunst und Kultur beleuchtet.

Die Ambivalenz von Unglück und Zuversicht zeigen unter anderem Tobi Dahmen und Christian Jonathan Lamp in ihrem Comic über Alfred Lion und Francis Wolff. Lion und Wolff werden Anfang des 20. Jahrhunderts als Alfred Löw und Frank Wolff geboren. In den 1920er-Jahren lernen sie in Berlin Jazz kennen und lieben, träumen von einem eigenen Club und Plattenlabel. Als im nationalsozialistischen Deutschland jüdische Menschen benachteiligt und schließlich verfolgt und ermordet werden, müssen sie fliehen. In den USA wird aus Frank Wolff Francis Wolff, aus Alfred Löw Alfred Lion. "The Lion And The Wolf", so heißt auch ein Stück, das ihnen Jazz-Trompeter Lee Morgan widmete - es erschien auf ihrem selbst gegründeten Plattenlabel Blue Note Records.

Künstlerische und erzählerische Schlaglichter

"Was an mir ist jüdisch? Frage ich mich selbst häufig im Stillen," reflektiert Miriam Werner in ihrem gemeinsamen Beitrag mit Moni Port. Der Comic "Ich jetzt hier" ist im Collagenstil gehalten, was die Vielschichtigkeit einer solchen Frage auch gestalterisch aufgreift. Werner beschreibt ihre Erfahrungen im heutigen Deutschland. "Ich komme mir oft sehr außenstehend vor, weil ich nirgends ganz dazugehöre … will ich auch nicht. Ich gehöre nur zu einer Gruppe: als Mensch unter Menschen."

Die elf Comics der Anthologie "Nächstes Jahr in" sind künstlerische und erzählerische Schlaglichter, die auch mit den Begleittexten vieles offen lassen. Sie stehen damit für das komplexe Vorhaben, jüdisches Leben abzubilden. Gerade "das Jüdische", das es als Einheit nicht gibt, möchte von außen, gerne auch gerade von Deutschen, als übersichtliche und klare Einheit gelten. Dass Jüdisch-Sein gerade das nicht ist, sondern viele Farben, Formen und Ansichten hat und nicht abgeschlossen ist, zeigen die Herausgeber*innen mit ihrer Anthologie.

 

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Nächstes Jahr in

Seitenzahl:
168 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Ventil Verlag
Bestellnummer:
978-3-95575-159-3
Preis:
25 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.12.2021 | 10:20 Uhr

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