Stand: 21.08.2018 15:47 Uhr

Ein nüchterner Blick auf die NSU-Mordserie

NSU - Der Terror von rechts und das Versagen des Staates
von Tanjev Schultz
Vorgestellt von Holger Schmidt
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Das Buch "NSU - Der Terror von rechts und das Versagen des Staates" ist im Verlag Droemer erschienen.

Bücher und Veröffentlichungen zum Fall des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gibt es viele. Schnell geschriebene und lang recherchierte Bücher sind darunter. Es gibt das opulente Werk "Heimatschutz" des früheren "Spiegel"-Chefredakteurs Stefan Aust, der die Geschichte der Terrorgruppe schon lange vor Ende des Strafprozesses in seinem gewohnt süffisanten Tonfall nacherzählte. Und es gibt zahlreiche Verschwörungstheoretiker, die ihre Sicht auf den rechten Terror zu verbreiten versuchen.

Tanjev Schultz legt das erste Buch nach Abschluss des langen Strafprozesses in München gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte vor. Der Journalist war für die "Süddeutsche Zeitung" häufiger Besucher im Prozess und hatte sich schon zuvor für die Zeitung mit dem Fall beschäftigt. Seine Motivation für das Buch beschreibt er so: "Ich fand es wichtig, dass man jetzt noch mal die Erkenntnisse zusammenführt der vergangenen Jahre des NSU-Prozesses, der ja fünf Jahre gedauert hat. Aber auch die Erkenntnisse der vielen Untersuchungsausschüsse aus den Parlamenten und noch dazu die vielen journalistischen Recherchen - meine eigenen, aber auch die von Kollegen."

Bericht über Schlampereien ohne sarkastische Untertöne

Cover des Buches "NSU - Der Terror von rechts und das Versagen des Staates" von Tanjev Schultz. © Droemer

"Ein wichtiges Buch zum NSU"

NDR Info - Buchtipp -

Nach den Urteilen im NSU-Prozess beschreibt Tanjev Schultz im Buch "NSU - Der Terror von rechts und das Versagen des Staates" anschaulich, umfassend und nüchtern die Mordserie und die Täter.

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Diesen Gesamtüberblick zu liefern, ist Schultz in seinem Buch "NSU - Der Terror von rechts und das Versagen des Staates" gut gelungen. Er beschreibt die Ereignisse von der Gründung der Terrorgruppe Ende der 90er-Jahre bis zum Urteil im Sommer 2018 plastisch und sehr gut lesbar. Er verzichtet aber auf die in anderen Büchern zu findenden sarkastischen Untertöne. Dort, wo das Handeln oder Nichthandeln von Sicherheitsbehörden unverständlich oder gar schockierend ist, benennt es Schultz deutlichst. Aber er widersteht der Versuchung, im Tonfall süffisant zu werden, bleibt immer der distanzierte Journalist.

Entsprechend differenziert fällt sein Fazit darüber aus, wie viel Behördenversagen die Mordserie des NSU möglich machte: "Ich denke, es ist eben eine Mischung aus wirklich teilweise tatsächlichen Pannen und Schlampereien, wie sie in allen Behörden und in allen Firmen überall vorkommen. Dann aber auch wirklich skandalösen, teilweise geradezu Machenschaften. Das so auseinanderzusortieren, dafür braucht es auch eine gewisse Nüchternheit, um da nicht einfach nur sozusagen rumzuschimpfen, sondern die Dinge wirklich auch in ihren Fakten richtig zu erfassen."

Aus dem Journalisten wird ein Journalisten-Lehrer

Diese nüchterne Betrachtung gelingt Schultz sehr gut. Vielleicht hat diese Betrachtungsebene auch damit zu tun, dass Schultz am Ende des NSU-Prozesses einen beruflichen Perspektivwechsel vollzogen und den Ruf auf die Professur für Journalismus an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz angenommen hat. Inzwischen lehrt der Autor also selbst Journalismus. Auch das mag ihn inspiriert haben, bei aller Skandalisierung des Falles NSU eine möglichst nüchterne und objektive Betrachtung vorzulegen, die trotzdem spannend und lesbar ist.

Was wäre gewesen, wenn ...?

Trotzdem bleiben im Buch viele Fragen offen, so wie auch der NSU-Fall selbst nach dem Urteil gegen Beate Zschäpe viele Fragezeichen in sich trägt. Schultz beschäftigt vor allem die Frage, wie es mit der Terrorgruppe weitergegangen wäre, wenn sie nicht 2011 aufgeflogen wäre: "Die Frage, die mich umtreibt, ist beispielsweise, warum dann nach 2007 die Terroristen zunächst mal mit dem Morden gestoppt haben. Das finde ich eine sehr interessante Frage. Nach dem Polizistenmord, also dem Mord an Michèle Kiesewetter, gab es, soweit wir wissen, keine weiteren Morde mehr. Aber es gab eine Ankündigung in der Bekenner-DVD, dass es weitere - wie die das zynischerweise nannten - 'Streiche' geben wird. Die Frage ist: Haben sie sich einfach nur erst mal wieder in Ruhe vorbereiten wollen? Was ist das gewesen? Was war da eigentlich los?"

Ein wichtiges Buch gegen alle Mythen

Doch der Autor ist auch hier realistisch: Diese Frage wird, wie viele andere Fragen rund um den NSU, wohl ungeklärt bleiben. Es gehört zum Wesen terroristischer Gruppen, auch nach der Auflösung oder dem Scheitern den Nimbus der Gruppe und deren Ziele zu erhalten - so wie es auch die linksterroristische RAF bis heute hält.

Trotzdem oder gerade deswegen ist es ein wichtiges Buch, denn es entkernt den NSU-Fall von Mythen und Verschwörungstheorien und zeigt die Mordtaten als das, was sie waren: grausamer Rassismus, der auch durch das Versagen deutscher Sicherheitsbehörden möglich wurde.

Weitere Informationen

Buchtipps von NDR Info

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NSU - Der Terror von rechts und das Versagen des Staates

von
Seitenzahl:
576 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Droemer
Veröffentlichungsdatum:
20.08.2018
Bestellnummer:
978-3-426-27628-0
Preis:
26,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 21.08.2018 | 09:08 Uhr

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