Schriftsteller Moritz Rinke sitzt auf einem Tisch am Meer auf Lanzarote, dahinter Felsen und Gischt © Moritz Rinke Foto: Moritz Rinke

Moritz Rinke: "Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García"

Stand: 02.09.2021 10:32 Uhr

Über zehn Jahre nach seinem Debüt "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" erscheint nun Moritz Rinkes neuer Roman "Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García" über einen Postboten auf Lanzarote.

Cover von Moritz Rinkes "Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García" © Kiepenheuer&Witsch
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von Katja Weise

Moritz Rinke kennt man vor allem als Dramatiker, aber auch als Autor von Kolumnen, gerne zum Thema Fußball - ein Sport, den er selbst übrigens praktiziert: Rinke ist Mitglied der deutschen Autoren-Nationalmannschaft. 2010 erschien sein erster Roman, der Bestseller "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel", eine Reise nach Worpswede, zurück in die eigene Kindheit. Über zehn Jahre später liegt nun ein zweiter Roman vor. Diese Mal nimmt Rinke sein Publikum mit nach Lanzarote.

Pedro Fernández García saß im Norden der Insel vor einem Café con leche. Leseprobe

Das tut er oft, denn Pedro hat viel Zeit zum Kaffeetrinken. Er ist Postbote auf Lanzarote und kaum jemand schreibt noch Briefe:

Früher hatte er Postwurfsendungen hasst. Er hatte die unverlangten, in Klarsichtfolien eingeschweißten Werbepackungen mit Neuigkeiten von preisgünstigen Waschmaschinen, Hightechfritteusen, traumhaften Möbeln und flexiblen Krediten gleich in den Papierkorb geworfen. Doch jetzt hatte er angefangen, diese grellbunten Werbepackungen als existenziell zu betrachten und zusammen mit den nervigen Gratis-Wochenzeitungen in die Briefkästen zu stopfen. Leseprobe

Ein Vater auf der Suche nach einem Nobelpreisträger

Moritz Rinke findet von Anfang an einen leichten Ton und lädt so auf sympathische Weise ein, Pedro kennenzulernen und ihn auf seinen Motorradfahrten über die Insel zu begleiten. Im Hauptberuf ist Pedro eigentlich Vater: Hingebungsvoll kümmert er sich um den Erstklässler Miguel. Seine Frau, die schöne Carlota, arbeitet nahezu rund um die Uhr. Umso härter trifft es ihn, als sie ihn verlässt und mit Miguel nach Barcelona zieht.

Weitere Informationen
Ein Roman mit Maria Callas auf dem Cover, daneben ein Teller mit Weinblättern und Käse - Folge 40 des Podcasts eat.READ.sleep © NDR Foto: Franziska Kröger

eat.READ.sleep (40): Gefüllte Weinblätter mit Moritz Rinke

Einmal speisen wie die Callas: Das wird für Jan und Daniel Wirklichkeit. Mit Moritz Rinke geht es in eine "Genickschussbar". mehr

 

Im Kern erzählt Rinke eine Vater-Sohn-Geschichte. Doch sprießen aus der viele andere - denn nun muss der lethargische Pedro aktiv werden, um Miguel nicht ganz zu verlieren. Ein Projekt: Er versucht, sich von José Saramago dessen Pandemie-Roman "Die Stadt der Blinden" signieren zu lassen - der portugiesische Literaturnobelpreisträger lebte bis zu seinem Tod auf Lanzarote:

Das ist ein Autor mit einer tollen und derartig großen Fantasie und Metaphernliebe, dass es mir Spaß gemacht hat und eine Ehre war. Ich habe ja auch so ein kleines Häuschen auf Lanzarote gebaut, dass ich quasi in der Nähe dieses großen Schriftstellers bin. Moritz Rinke

Moritz Rinke über Franco und die Kanaren

Für den Fußballfan Pedro ist Saramago der "Messi der Bücher". Seine Liebe zur Literatur entspringt einer großen Naivität, dem Leben insgesamt begegnet er mit Staunen. So auch dem großen, schwarzen Mann, der eines Tages in seiner Küche sitzt. Er sei, erzählt Amado Pedro, der Präsident eines Landes, das keiner kenne:

Das Land ist ein Lager, es liegt zwischen einem Leben, in das man nicht mehr zurückkann, und einem, in das man nicht hineinkommt... Le pays entre les deux, so haben wir es genannt, man findet es auf keiner Landkarte. Leseprobe

Rinke erzählt auch von den Flüchtlingen aus Afrika, die am Strand von Lanzarote nur noch tot geborgen werden können und taucht tief ein in die Franco-Zeit:

Nachdem die spanische Republik eben 1935 Demokratie wurde, wurde Franco, der schon General war, auf die Kanaren, nach Teneriffa und Gran Canaria abgeschoben und wartete hier quasi auf die Entwicklung der jungen spanischen Republik. Und deshalb sind die Kanaren sehr mit Franco und auch diesem Putsch verbunden, der dann eben 1935 im Sommer auf den Kanaren begann. Moritz Rinke

Konstruierter Plot und eindimensionale Figuren

Außerdem stellt Pedro fest, dass sein Großvater offensichtlich mit den Nationalsozialisten kooperiert hat. Das ist ein bisschen viel des Guten. Schließlich geht es außerdem um die Digitalisierung, die Pedro arbeitslos macht, die Schönheit der Vulkaninsel Lanzarote, die leergefischten Meere und nicht zuletzt die Leidenschaft für Fußball. Und obwohl es Rinke gelingt, das alles irgendwie zusammenzubringen - die gut 400 Seiten lesen sich leicht und schnell - wirkt der Plot an manchen Stellen konstruiert. Die Figuren bleiben seltsam eindimensional. Zugegeben, der Dramatiker Rinke beherrscht sein Metier: Es gibt viele komische Situationen, schnelle Dialoge, doch hat er in diesem Roman wohl zu viel auf einmal gewollt.

Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García

von Moritz Rinke
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Veröffentlichungsdatum:
19. August 2021
Bestellnummer:
978-3-462-05452-1
Preis:
24,00 €

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