Buchcover: Auður Ava Ólafsdóttir: "Miss Island" © Insel Verlag

"Miss Island" - Emanzipationsroman von Auður Ava Ólafsdóttir

Stand: 01.07.2021 14:00 Uhr

Die isländische Autorin Auður Ava Ólafsdóttir macht in ihrem Buch einen Zeitsprung zurück in die 1960er-Jahre. "Miss Island" ist ein schmaler Roman, in dem viel drinsteckt.

Buchcover: Auður Ava Ólafsdóttir: "Miss Island" © Insel Verlag
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von Maren Ahring

1963 - die Welt ist in Aufruhr. Martin Luther King hält seine berühmte Rede, der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy wird ermordet und vier junge Männer aus Liverpool werden langsam mit ihrer Musik bekannt. Auf Island scheinen die Uhren 1963 langsamer zu ticken. Die Themen: die neue Asphaltierung der Straßen und dass der Goldregenpfeifer wieder zum Brüten im Lande ist. Von den Dingen, die die Welt bewegen, bekommen die Isländer nur am Rande mit.

Eine männerdominierte Gesellschaft

Die Hauptfigur Hekla, 22 Jahre alt, nach einem isländischen Vulkan benannt, zog mit ihrer Schreibmaschine nach Reykjavik. Ihr Ziel: sich als Schriftstellerin in der Hauptstadt zu etablieren. Doch ihr einziges Vorbild ist eine Autorin, die sich das Leben nahm.

Ansonsten waren Dichter Männer. Ich lernte daraus, niemanden in meine Pläne einzuweihen. Leseprobe

Um Geld zu verdienen, bewirbt sich Hekla auf eine Stelle als Kaltmamsell in einem Hotel.

Er nimmt mich in Augenschein. "Eine Schönheitskönigin wie Sie verstecken wir doch nicht in der Küche, wir lassen Sie im Speisesaal aufwarten." Leseprobe

In der Welt der 1960er-Jahre wird Hekla einzig auf ihr Aussehen reduziert. Mehr als "Miss Island" bei einem Schönheitswettbewerb zu werden, traut ihr die männerdominierte Gesellschaft nicht zu. Aber Hekla ist anders.

Ich halte den Dirigentenstab in der Hand.
Ich kann einen Stern am schwarzen Firmament entfachen.
Ich kann ihn auch löschen.
Die Welt ist meine Erfindung. Leseprobe

Zwei Außenseiter kämpfen für ihren Traum

Das Schreiben bedeutet aber auch soziale Isolation. Hekla ist eine Intellektuelle, liest englische Zeitungen und besorgt sich Bücher von Sylvia Plath und Simone de Beauvoire, die auf Island damals nicht erhältlich waren. Als ihr Liebhaber, ein erfolgloser Dichter übrigens, erfährt, dass Hekla schreibt und auch schon einiges veröffentlicht hat, zerbrechen der Mann und die Beziehung.

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Einzig ihr Sandkastenfreund Jón John unterstützt sie. Auch er ist ein Außenseiter: Als homosexueller Matrose träumt er davon, Island zu verlassen und Kostüme fürs Theater zu entwerfen. Das besondere Verhältnis der beiden Figuren beschreibt Autorin Auður Ava Ólafsdóttir bei einer digitalen Buchpremiere so: "Man kann durchaus sagen, dass es im Jahr 1963 vergleichbar war, eine Schriftstellerin oder ein Homosexueller zu sein. Ähnlich schwierig, man hatte für solche Menschen kein Verständnis. Es ist auch ein Buch über deren freundschaftliches Verhältnis. Sie stehen zusammen und glauben auch an die Träume des anderen."

Eine Zukunft gibt es für Hekla und Jón John auf Island nicht. Und so beschließen sie, das Land zu verlassen und ihr Glück in Dänemark zu versuchen.

Wunderbar poetische Sprache

"Miss Island" ist ein schmaler Roman, in dem viel drinsteckt. Eine andere Perspektive auf die weibliche Emanzipation, eine klare, manchmal wunderbar poetische Sprache und die wiederkehrende Metapher des Vulkans, der trotz seiner Unberechenbarkeit und Zerstörungskraft gleichermaßen für Erneuerung und Schaffenskraft steht. Ein Buch, über das man noch lange nach dem Zuklappen nachdenkt, von einer Autorin, von der man sofort mehr lesen möchte.

Miss Island

von Auður Ava Ólafsdóttir
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
Verlag:
Insel
Bestellnummer:
978-3-458-17902-3
Preis:
22,00 €

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