Buchcover: Michael Kumpfmüller - Mischa und der Meister © Kiepenheuer & Witsch Verlag

"Mischa und der Meister": Michael Kumpfmüllers literarisches Spiel

Stand: 02.09.2022 06:00 Uhr

Michael Kumpfmüllers Roman "Mischa und der Meister" ist vor allem ein literarisches Spiel, dessen vielfältige Bezüge man aber nicht unbedingt kennen muss, um sich prächtig zu unterhalten.

von Andrea Gerk

Immer wieder taucht der Schriftsteller Michael Kumpfmüller für einen Roman tief in das Werk eines großen Kollegen ein - zuletzt war es Virginia Wolf, von der er in "Ach, Virginia" erzählt hat. Oder Kumpfmüllers Bestseller "Die Herrlichkeit des Lebens", in dem er das letzte Lebensjahr Franz Kafkas heraufbeschworen hat. Jetzt ist sein neuer Roman unter dem Titel "Mischa und der Meister" erschienen.

"Mischa und der Meister": Eine Hommage an Bulgakows "Der Meister und Margarita"

Schon im Titel klingt es an: "Mischa und der Meister" ist eine Hommage an Michail Bulgakows berühmten Roman "Der Meister und Margarita", eine legendäre Satire auf die Sowjetunion während des Stalinismus. Ein Klassiker der russischen Literatur, in der es nicht nur um den Alltag im korrupten Moskau geht, sondern um Gott und den Teufel, um Gut und Böse.

"Wenn ich mich erinnere, wie ich auf die Idee kam", erzählt Kumpfmüller, "das war an einem Tag, wo ich schlechte Laune hatte: Da lag ich in der Badewanne, um sie zu vertreiben, und las 'Meister und Margarita'. Da gibt es am Anfang eine Stelle, wo Pontius Pilatus Jesus - Jeschua im Roman - verhört und ihn fragt, was er denn so gemacht hat. Er hat gehört, er habe aufrührerische Reden gehalten. Und dann gibt dieser Jeschua zur Antwort: 'Ja, da läuft dauernd so ein junger Mann neben mir her und schreibt dauernd was auf. Ich habe da mal reingeguckt in das Pergament - aber keinen Satz, der da geschrieben steht, habe ich je gesagt.' Da habe ich mich in der Badewanne kaputt gelacht."

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Eine Gesellschaftskomödie im heutigen Berlin

Womöglich ist es dieses Lachen, das Kumpfmüllers Roman so eine elegante Leichtigkeit verleiht. Versetzt er doch die Grundthemen Bulgakows quasi in unsere Zeit, ins Berlin unserer Tage, und kreiert so eine Gesellschaftskomödie, in der das Gute - also Jeschua - mit dem Bösen - dem Teufel - rangelt.

Dass es dazu kommt, liegt an dem jungen Studenten Mischa, der für die russische Literatur schwärmt, genau wie Anastasia, in die er sich natürlich verliebt. Als die beiden über Dostojewskis Geschichte vom Großinquisitor diskutieren, äußert Anastasia den Wunsch, Jesus möge doch auf die Erde kommen, was auch prompt geschieht. Wobei Jeschua, wie er bei Bulgakow und Kumpfmüller heißt, eher wie ein hipper Tourist aussieht, der eigentlich nicht viel tut, aber dessen bloße Anwesenheit schon dazu führt, dass sich so gut wie jeder, der ihm begegnet, zum Besseren wandelt: Verfeindete Paare einigen sich blitzschnell, das Finanzamt verbucht unerwartete Zahlungseingänge, ein Literaturkritiker wirft sich vor der Lyrikerin, die er verrissen hat, in den Staub.

"Die Herausforderung war einerseits so ein relativ großes Personal durch den Roman zu führen, von Sündern und Leuten, die von einer Sekunde auf die andere zu guten Menschen werden und glücklich sind. Auf der anderen Seite hat mich diese Jesus-Figur interessiert: Wer ist sie? Zunächst muss man sagen, dass Jesus eigentlich eine literarische Figur ist. Und zwar nicht wegen Bulgakow, sondern (es sei denn man hat eine direkte Gotteserfahrung), weil er ja nur über die Schrift zu uns kommt", erklärt Kumpfmüller.

Die ewige Sehnsucht nach Liebe und Erlösung

Insofern ist "Mischa und der Meister" vor allem ein literarisches Spiel, dessen vielfältige Bezüge man aber nicht unbedingt kennen muss, um sich prächtig zu unterhalten. Denn es geht - wie in aller guten Literatur - vor allem um unsere ewige Sehnsucht nach Liebe und Erlösung, die auch hier nur eine Weile Erfüllung findet, schließlich ruft die erstaunliche Epidemie des Guten schnell den Teufel auf den Plan, der in Person von Zahnärzten, Malermeistern oder Steuerberatern auftritt und versucht, die Welle der Versöhnung zu brechen.

"Ich suche mir in meinen Romanen immer Aufgaben, die für mich schwierig sind", sagt Kumpfmüller. "Ich habe in meinem Schreibleben selber nie so viel gelacht, ich war unfassbar glücklich beim Schreiben dieses Romans."

Was sich durchaus auf den Leser überträgt. Wenn am Ende "die alte Göre Berlin", die noch zu Anfang gelangweilt auf das Treiben in der Hauptstadt geschaut hat, sich von Mischa und Anastasia verabschiedet und feststellt, dass sie sich "eine Weile bestens mit ihnen unterhalten hat", kann man ihr nur aus ganzem Herzen zustimmen.

Mischa und der Meister

von Michael Kumpfmüller
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05444-6
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.09.2022 | 12:40 Uhr

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