Stand: 02.09.2014 14:02 Uhr

Promenierende Männer von Welt

Zwei Herren am Strand
von Michael  Köhlmeier
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Churchill und Chaplin. Unterschiedlichste Ansichten und verblüffende Gemeinsamkeiten.

Warum haben Schriftsteller eigentlich dieses Ansehen seit ewigen Zeiten? Warum ehren, verehren die Menschen sie dafür, dass sie sich irgendwelche Lügengeschichten ausdenken? Der österreichische Romancier Michael Köhlmeier, einer von diesen Erzählern, die aller Verehrung wert sind, stellt sich manchmal amüsiert diese Frage; und dann antwortet er: Es muss wohl daran liegen, dass Literatur einen Trost bereithält - vielleicht den größten, der sich denken lässt. Von Seelennot und Trostbedürfnis handelt Köhlmeiers neuer Roman, der gerade - nur anderthalb Jahre nach seinem letzten großen Werk, "Die Abenteuer des Joel Spazierer" - erschienen ist und auf der langen Nominierungs-Liste für den Deutschen Buchpreis steht. "Zwei Herren am Strand" heißt das Buch.

Winston Churchill und Charlie Chaplin haben eine gemeinsame Geschichte. Und vielleicht, dachte sich Michael Köhlmeier, ließe sich die ja erzählen. Es könnte klappen, es könnte aber auch schiefgehen, meinte er am Anfang seiner Arbeit: "Ich habe irgendwann festgestellt, dass so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Charlie Chaplin und Churchill miteinander befreundet waren. Beide haben unter Depressionen und Angstzuständen gelitten. Ich bin nun auch jemand, der so etwas wie Panikattacken gut kennt. Da habe ich mir gedacht: diese beiden und die Freundschaft - kann man sie recherchieren? Wenn nicht: kann man sie sich einbilden?"

Genauso hätte es sein können

Mehr, viel mehr, als er es mit seinem lässigen Nebenherdrüberreden auch nur andeuten wollte, hat sich Michael Köhlmeier in diesen Stoff hineingekniet - und nun liegt da vor uns ein phänomenaler Roman: die Geschichte einer Freundschaft, die es gar nicht geben kann, die es aber gibt, weil es sie geben muss:

Leseprobe 1:

Dass sie politisch einander diametral gegenüberstanden; dass der eine in Gandhi einen nackten Fakir ohne Bedeutung sah, der andere aber einen großen Politiker, der dem Empire noch mächtig zusetzen könnte; dass der eine dem Kommunismus zutraute, die Ungerechtigkeit abzuschaffen, der andere ihn als eine Maschine zur gleichmäßigen Verteilung des Elends bezeichnete; dass der eine erst im vorigen Jahr gefordert hatte, den Generalstreik der britischen Arbeiter mit Gewalt niederzuschlagen, während der andere von Amerika aus seine Solidarität mit den Gewerkschaften telegrafiert hatte; dass der eine amtierende Schatzkanzler seiner Majestät war, der andere der berühmteste Schauspieler, seit es die Schauspielkunst gab - das alles war ganz egal. Sie hatten einen gemeinsamen Feind, der saß in ihnen.

Besuch vom "Schwarzen Hund"

Dieser Feind ist das, was Winston Churchill und Charlie Chaplin - um nicht "Depression" zu sagen - den "Schwarzen Hund" nennen, diese Bestie, die immer ohne Vorwarnung kommt und sich dann, ohne irgendeinen Laut zu geben, stunden-, tagelang vor die Schlafzimmertür des Seelenkranken setzt und ihn daran hindert, sich auch nur aus dem Bett zu quälen. Der einzige Trost bleibt einstweilen die Gewissheit, dass man sich, wenn gar nichts mehr geht,  immer noch das Leben nehmen kann. Bei einem ihrer Spaziergänge am Strand stellen sie fest: Sie beide haben erstmals als Sechsjährige an Selbstmord gedacht.

Und bis dahin? Der eine verheddert sich hoffnungslos in der Schneide-, Umschneide und Nachschneidearbeit, weil der beliebteste Schauspieler der Welt immer auch den besten Film der Welt abliefern muss. Der andere - malt.

Leseprobe 2:

Welche Farbe hat der Himmel? Alle sagen, er ist blau. Und ist er es nicht? Sehen Sie sich den Himmel an, Charlie! Ist er blau? Also mischt sich der Maler ein Blau und vergleicht es mit dem Himmel, aber es ist etwas ganz anderes. Er probiert es immer wieder. Und trifft es nie. Adam hat bei Milton hyazinthfarbene Locken und Odysseus bei Homer auch. Aber weder Homer noch Milton waren verrückt. Darüber denke ich nach. Das ist eine große Ablenkung, das dürfen Sie mir glauben. Mehr habe ich nicht zu bieten. Besseres habe ich leider nicht zu bieten. Aber es ist gut."

Eigentümliche Begegnung auf einer Herrentoilette

Es gab diese Freundschaft zwischen Churchill und Chaplin, es gab die depressiven Phasen, sonst jedoch ist alles frei erfunden. Aber Köhlmeier, der haufenweise historische Dokumente anschleppt, glaubt man jedes Wort: sogar, dass sich Churchill und Hitler - gegen jedes historische Wissen - vielleicht doch einmal begegnet sind, in der Herrentoilette eines Münchner Hotels.

Leseprobe 3:

Der Mann sei im Begriff gewesen, sich zu rasieren. Er, Churchill, habe ihm über den Spiegel zugenickt und den Gruß erwidert bekommen. Im selben Moment habe sich der Mann mit dem Rasiermesser neben dem Ohr in den Aufgang zur Schläfe geschnitten, offensichtlich tief, der Rasierschaum auf der Wange habe sich in Sekunden rot gefärbt. Der Mann begann zu fluchen, er fluchte in dieser fremden "von Konsonanten durchsplitterten Sprache", fuchtelte dabei mit dem Rasiermesse vor seinem Spiegelbild  herum - und er, Churchill, habe sich anstecken lassen und in das Fluchen eingestimmt. Und weil niemand außer ihnen beiden in dem Raum war und einer des anderen Sprache nicht verstand, hätten sie bald auf jedes wirkliche Wort verzichtet und seien in einen Kauderwelsch verfallen - bis sie genug gehabt hätten und er, Churchill, sich umdrehte und aus dem Restroom eilte.

Am Ende, mitten im Krieg, ist es ihre Freundschaft, nichts als die Freundschaft, die Chaplin und Churchill und zugleich die freie Welt und die Ehre der Kunst rettet. Aber nie kommt einem das zu hoch vor, weil Michael Köhlmeier so ein zurückhaltender, vornehmer, wunderbarer Erzähler ist.

 

Zwei Herren am Strand

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-24603-4
Preis:
17,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.09.2014 | 12:40 Uhr