Buchcover: "Oliver Stone - Chasing the Light - Die offizielle Autobiografie" © FinanzBuch Verlag

"Oliver Stone - Chasing the Light"

Stand: 13.10.2020 13:16 Uhr

Drei Oscars, fünf Golden Globes und immer wieder Skandale und Diskussionen über ihn und seine Filme: Oliver Stone gehört zu den Filmemachern, die gleichermaßen erfolgreich wie umstritten sind.

von Christiane Peitz

"Natural Born Killers" oder "JFK" sind nur zwei Beispiele für Filme, die heftige Reaktionen auslösten. Nun erscheint die Autobiografie von Oliver Stone in der deutschen Übersetzung.

Oliver Stone zeigt 1990 seinen Anti-Kriegsfilm "Geboren am 4. Juli" auf der Berlinale. © Berlinale
Regisseur Oliver Stone (rechts) zeigt 1990 seinen Anti-Kriegsfilm "Geboren am 4. Juli" auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin.

Wer den Vergleich von Krieg und Kino je für überzogen hielt, wird hier eines Besseren belehrt. Oliver Stone, der Regisseur von "Platoon", "Wall Street" und "JFK", hat seine Autobiografie geschrieben, oder besser, einen Teil davon. In "Chasing The Light" erzählt er von seinen ersten 40 Jahren, und er ist ein guter Erzähler. Ob es um seine Kindheit als Sohn eines republikanischen New Yorker Börsenmaklers und einer Pariser Partylöwin geht, um seine 18 Monate als GI in Vietnam, seine Anfänge als Drehbuchautor und Horrorfilmemacher oder den schwer erkämpften ersten Ruhm mit den Kriegsfilmen "Salvador" und "Platoon", für den er 1987 den Regie-Oscar erhielt.

Bei Tageslicht kamen verkohlte Leichen, pulverisiertes Napalm und graue Bäume zum Vorschein. Männer, deren Grimassen und Haltungen im Augenblick ihres Todes eingefroren waren, einige von ihnen standen oder knieten noch immer in Todesstarre. Buchzitat

Das Trauma Vietnam prägt den Regisseur

Charlie Sheen im Film Platoon. © picture-alliance Foto: Mary Evans Picture Library
Seine Erlebnisse im Vietnamkrieg verarbeitete Stone später in seiner Anti-Kriegsfilm-Trilogie: Platoon / Geboren am 4. Juli / Zwischen Himmel und Hölle (Charlie Sheen im Film "Platoon").

Gleich auf den ersten Seiten steht er wie ein General in einer mexikanischen Kleinstadt, um eine Schlachtenszene für "Salvador" zu befehligen. Der Überlebensinstinkt als Fußsoldat im Dschungel entspricht der Wachsamkeit des Kameraauges, er stählt ihn für den Kampf mit Produzenten-Diktatoren und kapriziösen Schauspielern, für die Widrigkeiten am Set.

Stone teilt aus und steckt ein, ein ehrliches Buch, manchmal so brutal wie seine Filme. Wichtiger als jede Anekdote über Al Pacino, Billy Wilder oder Marlon Brando sind ihm die Schilderung der Verrohung in Vietnam, der Drogensucht, der Schlangengrube des Studiosystems und das Eingeständnis eigener Fehler. Gerne vergleicht sich der heute 74-Jährige mit Odysseus, der sich die Ohren nicht mit Wachs verstopft, anders als die Gesellschaft.

Hätten meine Eltern sich vor ihrer Heirat wirklich gut gekannt, wären sie nie zusammengekommen, und ich hätte nie existiert. Kinder wie ich werden aus dieser ursprünglichen Lüge geboren … Wir haben das Gefühl, dass man nichts und niemandem mehr trauen kann. Erwachsene werden zur Gefahr. Die Realität wird zur Einsamkeit. Liebe existiert nicht oder sie kann nicht überleben. Buchzitat

Oliver Stones Hauptfeind: Die Verlogenheit

Oliver Stone, das Scheidungskind; sein Hauptfeind ist die Lüge. Vor allem die politische Verlogenheit Amerikas und die Schönfärberei Hollywoods, aber auch die Liebeslüge der Eltern. Die Disziplin des Vaters, die Genusssucht der rebellischen Mutter, beides entdeckt er an sich selbst: Amerika und Europa, das Maskuline, das Feminine.

Wobei der Dämon der Gewalt überwiegt. Nichts gegen das Ungeschliffene seiner Sprache, die mitunter fehlerhaft lektoriert oder übersetzt wurde, aber der Macho-Ton ärgert einen dann doch. So zollt Stone seinen beiden ersten Ehefrauen zwar Respekt, reduziert sie aber auf Heim, Herd und Sex und in der Selbstkritik am Alphatier schwingt immer auch Stolz mit.

Ich wollte einen Film nach dem nächsten machen, im Wettstreit gegen die Zeit - oder wahrscheinlich war es in Wirklichkeit ein Rennen gegen mich selbst, in einem Spiegelkabinett, das ich mir ganz allein aufgebaut hatte.

Ein Männerbuch über die Männerwelt des Kinos lange vor der MeToo-Debatte, übrigens erschienen in einem Inprint der Münchner Verlagsgruppe, die rechtskonservative Autoren wie Thilo Sarrazin oder den AfD-nahen Ökonomen Max Otte publiziert. "Anrüchig", "abgebrüht", "empfindsam": Was die Kritikerpäpstin Pauline Kael einst über Stones "Salvador"-Film als "Vision eines rechts denkenden Machos und politisch linken Polemikers" schrieb, es passt auch zu seiner Autobiografie.

Oliver Stone - Chasing the Light - Die offizielle Autobiografie

von
Seitenzahl:
350 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
FinanzBuch Verlag
Veröffentlichungsdatum:
13.10.2020
Bestellnummer:
978-3-95972-375-6
Preis:
24,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 13.10.2020 | 17:40 Uhr

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