Stand: 09.04.2015 14:40 Uhr

Bizarre Utopien

von Holger Heimann
Leif Randt: "Planet Magnon" (Cover) © Kiepenheuer & Witsch
In Leif Randts utopischem Roman planen Mitglieder der gebrochenen Herzen den Aufstand.

Der in Frankfurt geborene und in Berlin lebende Schriftsteller Leif Randt hat ein Faible für Bücher, die Versuchsanordnungen gleichen. In seinem 2011 erschienen Roman "Schimmernder Dunst über Coby County" erfand er eine Insel als Mischung aus Mallorca und Prenzlauer Berg und zeichnete ein Leben im Überfluss.

In seinem neuen Roman treibt er das Spiel der Imagination noch weiter: "Planet Magnon" führt in ein fernes, utopisches Sonnensystem. Auch hier genießen die Menschen eine sorgenfreie, behütete Existenz. Aber dann kommt es zu Irritationen. Die Protagonisten müssen sich klar werden, welches Leben das richtige und echte ist.

Irritationen im Universum

In der schönen neuen Welt von Leif Randts Roman "Planet Magnon" darf und soll jeder nach seinen Wünschen leben. Die Menschen haben sich in einer fernen Zukunft zu Kollektiven zusammengeschlossen, in denen unterschiedliche Formen des Miteinanders erprobt werden. Sechs Planeten und zwei Monde gehören zu dem Sonnensystem, in dem eine Computervernunft namens "Actual Sanity", kurz AS, über das Wohlergehen aller wacht.

Das Zutrauen der Planetenbewohner in die gottähnliche Weisheit von Actual Sanity ist groß, Irritationen sind selten. Innerhalb des sorgenfreien Universums sorgt allein die Konkurrenz zwischen den Kollektiven für milde Erregung: Pragmatisch oder ideal, traditionsreich oder neuzeitlich - daran scheiden sich die Geister. Es ist ein freundlicher Wettstreit unterschiedlicher Lebensentwürfe.

Das Sonnensystem wirkt wie ein Experimentierfeld, in dem Randt klar konturierte Idealtypen und Milieus aufeinandertreffen lässt und diese mit analytisch sezierendem Blick erforscht: "Das ist eine Sache, die mich schon immer interessiert hat. So ein halb soziologischer Ansatz, über Dinge nachzudenken und dann davon zu schreiben. Das ist der Ausgangspunkt gewesen, diese konkurrierenden Kollektive aufzustellen."

Gestörter Frieden

Doch der lauschige und zuweilen ein wenig sterile Frieden wird urplötzlich gestört. Das Kollektiv der gebrochenen Herzen sammelt Unzufriedene um sich und droht durch aggressive Gewaltakte das sorgfältig ausbalancierte Wohlfahrtssystem bloßzustellen.

Der Ich-Erzähler Marten Eliot vom Kollektiv der Dolfins, der gemeinsam mit Emma Glandale eigentlich nur neue Mitglieder auf den unterschiedlichen Planeten werben soll, wird bald mit komplizierteren Aufgaben konfrontiert. Denn die Anhängerschaft der gebrochenen Herzen wächst beständig. Die geteilten emotionalen Leiderfahrungen scheinen bei weitem anschlussfähiger als das von den Dolfins propagierte Konzept der Selbstkontrolle. Leif Randt treibt die Konfrontation zweier gegensätzlicher Lebensmodelle immer weiter.

Im bis zuletzt offenen Ausgang des Konflikts spiegelt sich auch die Schreibhaltung des Autors wider: "Wenn ich während der Arbeit am Text die ganze Zeit wüsste, was ich ausstellen will, dann würde es so ein Handwerk werden. Das machen sicherlich Autoren auch, dass sie ihre Denkbewegung abgeschlossen haben, bevor sie sich an den Schreibtisch setzen, aber das würde mir keinen Spaß machen."

Planet Magnon

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04720-2
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.04.2015 | 12:40 Uhr

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