Stand: 12.06.2018 11:43 Uhr

Der Patient: Liebe ohne Erinnerung

Der Mann ohne Schatten
von Joyce Carol Oates, aus dem amerikanischen Englisch von Silvia Morawetz
Vorgestellt von Bianca Schwarz
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Der Roman zeichnet eine berührende Liebesgeschichte. Sie bringt den Leser dazu, die eigene Existenz zu hinterfragen.

Vor vielen Jahren sagte die renommierte US-Autorin Joyce Carol Oates in einem Interview: "In der Liebe geht es um zwei Dinge: Körper und Worte". Nach der Lektüre ihres neuen Romans "Der Mann ohne Schatten" müsste man das Zitat eigentlich erweitern: "In der Liebe geht es um drei Dinge: Körper, Worte und Erinnerung."

"Sie lernt ihn kennen, sie verliebt sich. Er vergisst sie.
Sie lernt ihn kennen, sie verliebt sich. Er vergisst sie.
Sie lernt ihn kennen, sie verliebt sich. Er vergisst sie.
Schließlich nimmt sie Abschied von ihm, einunddreißig Jahre nach ihrer ersten Begegnung. Auf seinem Sterbebett hat er sie vergessen." Leseprobe

Die ersten Worte aus "Der Mann ohne Schatten" zeichnen die Handlung des Buches schon vor. Joyce Carol Oates schreibt über ein eigentlich undenkbares Paar. Margot ist eine ehrgeizige Neurowissenschaftlerin und 1965 eine der ersten Frauen auf diesem Gebiet. Ihr Proband Eli ist über 30 Jahre ihr Versuchsobjekt. Seit einer Entzündung im Gehirn ist Elis Kurzzeitgedächtnis gestört. Er kann sich an nichts erinnern, was länger zurückliegt als 70 Sekunden. Als Eli erkrankt, ist er 37 Jahre alt und in seiner Wahrnehmung wird er für immer 37 bleiben.

"Ich wollte einen Roman schreiben über eine sehr intensive Beziehung zwischen einer weiblichen Wissenschaftlerin und ihrem männlichen Forschungsobjekt", sagt Autorin Oates, die am 16. Juni 80 Jahre alt wird. "Darüber, wie ihre intensive Freundschaft zu einer Romanze und schließlich zu einer erotischen und gleichzeitig zutiefst emotionalen Beziehung wird."

Wie aber baut man also eine zutiefst emotionale Beziehung, eine intensive Freundschaft zu einer Person auf, die einen alle 70 Sekunden vergisst? Das ist die Schlüsselfrage des Buches und Oates nimmt sich Zeit für die Antwort und die Ausformung ihrer beiden Protagonisten.

Vom Genie zum Pflegefall

Margot ist von Anfang an beeindruckt von Elihu Hoopes, so sein vollständiger Name. Als sie ihn kennenlernt, ist sie zarte 23 Jahre alt, eine unsichere Doktorandin frisch von der Uni und unglaublich stolz darauf, dass sie in genau diesem renommierten Forschungsprojekt gelandet ist.

Eli wiederum ist ein großer, gut aussehender, überaus freundlicher und aufmerksamer Mann. Bis zu seinem 37. Lebensjahr hat er ein schillerndes Leben gelebt und von all diesen Ereignissen erinnert er sich an fast jede Sekunde.

Er führte erfolgreich die Geschäfte einer wohlhabenden Familie und schloss sein Studium mit Summa cum Laude ab. Selbst nach seiner Erkrankung liegt sein Intelligenzquotient noch bei über 150. Als Bürgerrechtsaktivist setzte er sich für die Rechte der Schwarzen in den USA ein. Sein großes Idol: Martin Luther King.

Eine heimliche Beziehung

Eli ist begeisterungsfähig, höflich und hoffnungsvoll, und das Charisma des Mannes springt über auf die Wissenschaftlerin. Margot ist eigentlich eher eine ewig kühle Eigenbrötlerin, die vor allem mit ihrem Job verheiratet ist. Sie ordnet erst der Aufgabe und dann dem Probanden alles unter. Mit den Jahren aber verliebt sie sich in Eli und schafft es, in aller Heimlichkeit, unbeobachtet von den Kollegen im Labor, eine Beziehung zu dem Mann ohne Schatten aufzubauen.

"Sie hat ihm ein Geschenk mitgebracht, das unser Geheimnis bleiben muss. Eheringe, aus Silber. Nicht teuer, aber geschmackvoll und hübsch. 'Für dich, lieber Eli. Und für mich.'
Sie schiebt ihm den Ring auf den Finger (...). Er küsst Margots Handinnenseite. Bebt vor Gefühl und vor Verlangen.
'Frau Doktor, du bist so wunderschön. Ich liebe dich! Sind wir jetzt verheiratet?'
'Ja, Eli. Jetzt sind wir verheiratet.'" Leseprobe

Wer sind wir und was bleibt von uns?

Joyce Carol Oates beschreibt feinfühlig diese besondere Liebe. Erklärt, wie es überhaupt funktionieren kann, mit einem Mann ohne Erinnerung eine heimliche Beziehung zu führen. Sie öffnet auch die ethische Ebene - darf man das? Sie zeigt auf, wie sehr sich Margot verliert und wie sehr sie auch genau dafür gemacht ist.

Oates beschreibt, wie sich Eli in den 30 Jahren trotz seiner Erkrankung verändert hat. Die Geschichte baut sich langsam auf, und wenn man sich darauf einlässt, fühlt man mit den Windungen im Leben von Eli und Margot mit. Der Roman ist äußerst facettenreich und bringt den Leser dazu, die eigene Existenz zu hinterfragen: Wer sind wir und was bleibt von uns, wenn wir selbst uns nicht mehr daran erinnern können?

Der Mann ohne Schatten

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3-1039-7276-4
Preis:
24,00 €

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