Stand: 19.07.2019 13:58 Uhr

Jeder stirbt für sich allein

von Jan Ehlert
Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein (Buchcover) © Aufbau Verlag
Fallada schrieb den Roman Ende 1946, am 5. Februar 1947 starb der Autor.

Es sei das beste Buch über den deutschen Widerstand, urteilte der Auschwitz-Überlebende Primo Levi über Hans Falladas letzten Roman "Jeder stirbt für sich allein". Dennoch geriet es schnell in Vergessenheit. Erst jetzt, mehr als 60 Jahre nach Falladas Tod, wurde der Roman wiederentdeckt und neu aufgelegt - und zwar so, wie von Fallada ursprünglich geschrieben.

Etwas lächerlich Kleines, Karten wollte er schreiben. Postkarten mit Aufrufen gegen den Führer und die Partei, gegen den Krieg, zur Aufklärung seiner Mitmenschen, das war alles. Und diese Karten wollte er nur auf den Treppen sehr begangener Häuser niederlegen.

Alles in ihr empörte sich gegen diesen gefahrlosen Krieg aus dem Dunkeln. Zögernd sagte sie: Ist das nicht ein bisschen wenig, was du tun willst, Otto? – "Ob wenig oder viel, Anna", sagte er, "wenn sie uns darauf kommen, wird es uns unsern Kopf kosten." Buchzitat

Ein schwieriger Stoff

Eigentlich wollte Hans Fallada diesen Roman nicht schreiben. Zunächst hatte er zwar zugesagt, für seinen Freund Johannes R. Becher die reale Geschichte von Otto und Elise Hampel zu einem Roman zu verarbeiten, einem Ehepaar, das auf Postkarten vor dem Hitler-Regime warnte und dafür hingerichtet wurde. Doch als Fallada die Prozessakten bekam, glaubte er nicht an den Erfolg des Buches. "Einmal wegen der völligen Trostlosigkeit des Stoffes: zwei ältere Leute, ein von vornherein aussichtsloser Kampf, Verbitterung, Hass, Gemeinheit, kein Hochschwung. Das will mir nicht so recht munden und würde doch eine recht erzwungene Sache", so Fallada.

Der Wandel

Umso zufriedener war Fallada dafür mit dem Ergebnis. Innerhalb von nur 14 Tagen schrieb er das Manuskript zu "Jeder stirbt für sich allein" - für ihn selbst sein bestes Werk seit "Wolf unter Wölfen", das zehn Jahre zuvor erschienen war. "Endlich wieder ein echter Fallada", schrieb er seiner Frau. Doch nun war es der Verlag, dem die Geschichte zu trostlos und verbittert erschien.

Vor allem die Tatsache, dass Fallada das Ehepaar, das bei ihm Otto und Anna Quangel heißt, als Mitläufer darstellt, die lange Zeit ebenfalls an Hitler geglaubt hatten, sah der Verlagsleiter des Aufbau-Verlags, Kurt Wilhelm, problematisch. Er schrieb daher an Fallada: "Es ist vielleicht ganz gut, wenn wir die eine oder andere in Betracht kommende Stelle im Roman vor Drucklegung ausbügeln, denn man soll nicht unnötig den Rezensenten der Zeitungen zu einer billigen Kritik verhelfen."

Doch das Schreiben erreichte Fallada nicht mehr. Er starb vor der Veröffentlichung in einer Entzugsklinik. Im Aufbau-Verlag erschien schließlich die gewünschte politisch geglättete Ausgabe. Das ursprüngliche Manuskript wurde jedoch aufbewahrt und jetzt erstmals veröffentlicht. Darin befindet sich ein ganzes Kapitel zur Nazi-Vergangenheit von Anna Quangel, das bei der Überarbeitung herausgestrichen wurde.

Die Dame begrüßte Anna Quangel gebührend, aber nur mit einer lässigen Erhebung des Armes. "Heil Hitler!" Ernst und genau korrigierte Anna Quangel durch ihr zackiges "Heil Hitler" diese Nachlässigkeit. Sie empfand plötzlich eine tiefe Abneigung gegen dieses bildschöne Geschöpf, das doch nur ein Weibchen war und das nie Frau und Mutter werden würde, wie es Anna Quangel gewesen war und noch war. Sie hasste und verachtete die andere. Buchzitat

Eine Beschreibung, die nicht zu dem Bild passt, das im restlichen Roman von Anna Quangel gezeichnet wird: Darin wirkt sie eher schüchtern und unselbständig und gewinnt erst durch den Widerstand an Selbstbewusstsein.

Ein wichtiges Buch - so oder so

Ansonsten sind es nur kleine Eingriffe, die die Verleger damals vornahmen: So wurde der kommunistische Hintergrund der Widerstandsgruppe um Quangels Schwiegertochter Trudel Baumann vom Verlag herausredigiert, einige besonders grausame Beschreibungen wurden gestrichen. Ob man also die Originalversion oder die redigierte Ausgabe von 1947 liest, ist daher eigentlich nicht so wichtig: Lesen sollte man das Buch aber auf jeden Fall.

Jeder stirbt für sich allein

von
Seitenzahl:
704 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau, 704 Seiten
Bestellnummer:
978-3-351-03349-1
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.02.2011 | 12:40 Uhr

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